Panorama

Wie gelingt die sprachliche Erstförderung von Geflüchteten?

Evaluation des Projekts „Einstieg Deutsch“ zeigt Schlüsselfaktoren auf
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Beim Projekt „Einstieg Deutsch“ übten Geflüchtete die Sprache auch mit digitalen Lernprogrammen und wurden dabei von ehrenamtlichen Lernbegleiter*innen unterstützt.

14.03.2019: Rund 31.500 Geflüchtete in ganz Deutschland haben von Mitte 2016 bis Ende 2018 nach dem Konzept von „Einstieg Deutsch“ gelernt. Das Besondere an diesen niedrig­­schwelligen Sprach­angeboten: Die Geflüchteten lernten nicht nur klassisch mit Buch und Tafel, sondern auch mit Online-Lern­programmen und einer Smartphone-App. Zudem halfen ehren­­amtliche Lern­begleiterinnen und Lern­­begleiter ihnen in Selbst­­lern­phasen und unter­stützten die Lehrkraft im Unterricht. Insgesamt beteiligten sich etwa 300 Bildungs­­einrichtungen bundesweit am Projekt und boten vor Ort „Einstieg Deutsch“-Kurse an, gefördert vom Bundes­­ministerium für Bildung und Forschung.

Die Beratungsfirma Syspons begleitete seit Ende 2017 das Projekt und hat es wissenschaftlich evaluiert. Nun liegen die Ergebnisse vor. Sie attestieren dem vom DVV entwickelten Konzept ein großes Innovationspotenzial und belegen dessen Wirksamkeit. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, welche Bedingungen und Ansätze erfolgreich waren und sich für einen Transfer auf ähnliche Projekte der Sprachförderung anbieten:

Hürden für Teilnahme niedrig halten

Die Evaluation hat gezeigt, dass insbesondere für lernungewohnte Personen niedrigschwellige Lernangebote wichtig sind. Die Teilnehmenden konnten den Kurs „Einstieg Deutsch“ jederzeit beginnen und mussten keine formalen Voraussetzungen erfüllen. Teilnehmen konnten alle Geflüchteten mit guter oder unklarer Bleibeperspektive – unabhängig von ihrem Status – sofern sie noch keinen Platz in einem Integrationskurs hatten. Freiwilligkeit, Fehlen von Leistungsdruck sowie ein auf die Einzelnen angepasstes Lerntempo, gepaart mit alltagsnahen Themen waren weitere Erfolgsfaktoren, um bei Lernungewohnten die Motivation hochzuhalten. So wurden sie langsam an den Lernalltag herangeführt und auf weiterführende Kursformate vorbereitet. Weil die Fahrtkosten übernommen wurden oder die Kurse nah am Wohnort, z.B. in Flüchtlingsunterkünften stattfanden, wurden weitere Hürden genommen.

Mit Kinderbetreuung den Lernerfolg von Frauen fördern

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Kinderbetreuung in der Nähe des Unterrichts ermöglichte Müttern die Teilnahme am Sprachangebot und schuf Freiräume für konzentriertes Lernen.

Eine der größten Hürden für Frauen war die fehlende Vereinbarkeit von Kinder­betreuung und Sprachkurs. Familien­freundliche Rahmen­bedingungen – Kurszeiten, die auf Schul- und Kinder­garten­zeiten abgestimmt sind, sowie Kinder­betreuung in räumlicher Nähe – erwiesen sich dementsprechend als zentrale Faktoren für die regelmäßige Teil­nahme von Frauen. Die Zahlen belegen dies eindrucks­voll: Während der Frauen­anteil bei „Einstieg Deutsch“-Angeboten ohne Kinder­betreuung bei 34 Prozent lag, erhöhte er sich mit Kinder­betreuung um mehr als die Hälfte auf 54 Prozent. Wenn die Betreuung der Kinder sogar in direkter Nähe zum Unterrichts­ort sicher gestellt war, half dies den Müttern, sich auf das Lernen zu konzentrieren.

Digitale Lernmedien als Chance betrachten

„Einstieg Deutsch“ war als Blended-Learning-Angebot konzipiert. Das heißt neben klassischen Lernmaterialen, sollten auch digitale Medien zum Einsatz kommen – etwa das vhs-Lernportal oder die Sprachlern-App „Einstieg Deutsch“. Was bei einigen Lehrkräften anfänglich auf Skepsis stieß, erwies sich letztendlich als sehr erfolgreich: Der Großteil der Lehrkräfte bewertete den Einsatz der Medien als zielführend. Besonders hilfreich waren die digitalen Lernmedien bei der Binnendifferenzierung und um Gelerntes zu üben. Sie halfen die Motivation zu steigern und das autonome Lernen zu trainieren.
Allerdings stellte die geringe Medienkompetenz der Lernenden sowohl die Lehrkräfte als auch die Teilnehmenden selbst vor große Herausforderungen. Viele hatten nie zuvor an einem Computer gearbeitet und mussten zunächst grundlegende Dinge wie die Handhabung einer Maus erlernen. Gerade zu Beginn der Kurse erwies sich daher eine enge Betreuung durch Lehrkraft und Lernbegleiter als äußerst zielführend. Auch die Einführung und anfängliche Bearbeitung der Lernprogramme mittels Beamer im Plenum erleichterte ein Heranführen an Methoden des digitalen Lernens. Die fehlende Medienkompetenz belegt gleichzeitig, wie wichtig ein derartiges Angebot war. Bei den medienunerfahrenen Teilnehmenden stellte sich so ein zusätzlicher Lerneffekt ein: Neben der Sprache machten sie erste Gehversuche im Umgang mit dem Computer und wurden an selbständiges Lernen herangeführt.

„Alle Teilnehmenden sind offen und neugierig im Umgang mit der Technik, überraschenderweise auch gerade diejenigen mit den geringsten Vorkenntnissen. Bei ihnen sind die Fortschritte gewaltig. Der gefühlte Erfolg ist enorm und geht deutlich über die Lösung der Aufgaben hinaus“

Gabriele Bodri, DaF-Dozentin an der vhs Lahr

Lernbegleiter als wirksame Unterstützung einbinden

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Bildnachweis: Ehrenamtliche Lernbegleiter*innen unterstützten die Lehrkraft im Unterricht und halfen einzelnen Lernenden.
Ehrenamtliche Lernbegleiter*innen unterstützten die Lehrkraft im Unterricht und halfen einzelnen Lernenden.

Bei „Einstieg Deutsch“ arbeiteten die Lehr­kräfte eng mit ehren­amtlichen Lern­begleiterinnen und Lern­begleitern zusammen. Diese halfen den Geflüchteten z.B. in Selbs­tlern­phasen, insbesondere beim Umgang mit den digitalen Lern­medien. Sie konnten aber auch die Lehr­kraft im Unterricht unterstützen und Exkursionen organisieren. Lehr­kräfte berichteten von einer großen Entlastung insbesondere bei der Binnen­differenzierung und bei der Einführung der digitalen Lernmedien. Die Zusammen­arbeit mit Ehren­amtlichen fand daher großen Zuspruch: 95 Prozent der Lehr­kräfte schätzten sie als ziel­führend ein. Gleichwohl war sie mit erhöhtem Koordinations- und Abstimmungs­aufwand verbunden. Die Evaluation zeigte zudem, dass viele Lern­begleiterinnen und Lern­begleiter selbst Migrations­hintergrund haben und dies auf die Zusammen­arbeit wirkte.

Da die Lerngruppen sehr heterogen sind, sind wir sehr froh, die Lernbegleiter im Unterricht dazu nehmen zu können. Das ist eine große Hilfe bei der Binnendifferenzierung.“

Eva Licciardello, Leiterin der vhs Kaufering

Flexibel auf Bedarf vor Ort reagieren

Für den Erfolg des Projekts war die enge Anbindung an die Projektpartner vor Ort entscheidend und darüber hinaus die Flexibilität in der Umsetzung des Konzepts. Durch Rückmeldungen aus der Praxis konnte es kontinuierliche angepasst und stetig verbessert werden. Letztendlich bot das „Einstieg-Deutsch“-Konzept den Trägern großen Spielraum hinsichtlich Stundenumfang und Dauer, so dass sie ihre Angebote bedarfsgerecht auf die Zielgruppe und Situation vor Ort zuschneiden konnten.
Viele Projektpartner schätzten zudem, dass sie mit „Einstieg Deutsch“ schnell auf akuten Bedarf vor Ort reagieren konnten. Umso mehr, weil die Fluktuation in Flüchtlingsunterkünften und neue Zuweisungen von Asylbewerbern in Kommunen schwer vorhersehbar und planbar waren. Durch eine kurze Vorlaufzeit von maximal vier Wochen zwischen Beantragung und Bewilligung eines „Einstieg Deutsch“-Lernangebots konnten Einrichtungen zeitnah und bürokratiearm auf die jeweils aktuelle Situation in ihrem Einzugsgebiet reagieren.
Auch nach Projektende schätzen viele Bildungsträger den Bedarf an niedrigschwelligen Sprachangeboten als weiterhin hoch ein, insbesondere bei Geflüchteten mit einer Duldung oder mit unklarerer Bleibeperspektive sowie bei Personen aus dem Familiennachzug.