Panorama

(Un-)Politische Jugend?!
Jugendliche fragen nach

Volkshochschulen fördern den direkten Dialog mit der Politik
Bildnachweis: Die Bundestagsabgeordneten Dr. Diether Dehm, Sven-Christian Kindler, Caren Marks und Dr. Hendrik Hoppenstedt stellen sich während der Veranstaltung an der VHS Hannover den Fragen der teilnehmenden Jugendlichen.
Die Bundestagsabgeordneten Dr. Diether Dehm, Sven-Christian Kindler, Caren Marks und Dr. Hendrik Hoppenstedt stellen sich während der Veranstaltung an der VHS Hannover den Fragen der teilnehmenden Jugendlichen.

18.10.2017: Der Bundestags­abgeordnete, der auf einer Fachtagung des Bundesausschusses Politische Bildung e. V. (bap) rechts stehenden Satz äußerte, wäre ein prädestinierter Kandidat für das Sonderprojekt „(Un-)Politische Jugend?! Jugendliche fragen nach“. In diesem Projekt, das das Referat „Politische Jugendbildung“ des Deutschen Volkshochschul-Verbands in Kooperation mit lokalen Volkshochschulen umsetzt, geschieht genau das, was sich der Bundestagsabgeordnete wünscht: Jugendliche kommen mit Politikerinnen und Politikern ins Gespräch über die Themen, die junge Menschen bewegen und die sie in ihrem Alltag unmittelbar betreffen.

Oft ist über eine politisch desinteressierte Jugend geschrieben worden und nicht selten wird ihr „Politikverdrossenheit“ attestiert. Ganz unabhängig vom Alter findet sich allerdings in unterschiedlichen gesellschaftlichen Statusgruppen teilweise ein massives Misstrauen gegenüber politischen Prozessen und Akteuren.
Studien zeigen etwa einen Zusammenhang zwischen feindseligen Einstellungen gegenüber Minderheiten und einer hohen Skepsis gegenüber dem demokratischen System insgesamt.

Mitunter scheinen sich also Gräben aufzutun zwischen den Bürgerinnen und Bürgern auf der einen und ihren gewählten Vertreterinnen und Vertretern auf der anderen Seite. Für eine demokratische Gesellschaft sind solche Entwicklungen problematisch. Sie lebt vielmehr von der Meinungsvielfalt und von politischen Aushandlungsprozessen, von der Fähigkeit, Konflikte friedlich auszutragen und zu regulieren, sowie von der Bereitschaft zu Kompromissen. Besonders bedenklich ist daher, wenn die Zukunft der Gesellschaft – Kinder und Jugendliche – sich nicht mehr aktiv an Diskussionen beteiligt und nicht für ihre Überzeugungen einsteht.

„Mich hat noch nie eine Jugend- oder Bildungseinrichtung angerufen und gefragt, ob ich nicht mal direkt mit Jugendlichen diskutieren möchte.“

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Bundestagswahlen und mehrerer Landtagswahlen hat das Referat „Politische Jugendbildung“ daher das Projekt „(Un-)Politische Jugend?! Jugendliche fragen nach“ ins Leben gerufen. Durch dieses Projekt kommen nach dem Prinzip eines Word Cafés Jugendliche mit Politikerinnen und Politikern, etwa Bundestagskandidatinnen und -kandidaten, ins Gespräch. Kooperationspartner ist im Jahr 2017 die Volkshochschule Hannover.

Politische Prominenz trifft aufmerksame Jugendliche

Bildnachweis: Rund 50 junge Menschen nahmen an der Diskussionsveranstaltung an der VHS Hannover im Mai 2017 teil und diskutierten mit den eingeladenen Politikern.
Rund 50 junge Menschen nahmen an der Diskussionsveranstaltung an der VHS Hannover im Mai 2017 teil und diskutierten mit den eingeladenen Politikern.

An der Ada-und-Theodor-Lessing-Volkshochschule Hannover wurde im Mai eifrig mit den Bundestags­abgeordneten Dr. Diether Dehm (LINKE), Dr. Hendrik Hoppenstedt (CDU), Sven-Christian Kindler (Grüne) und Caren Marks (SPD) debattiert und um Positionen gerungen. Dabei zeigte sich vor allem, dass von einer politisch desinteressierten Jugend nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil: Die prominenten Gäste aus Hannoveraner Wahlkreisen mussten sich zwei Stunden den Fragen und Anliegen der rund 50 gut vorbereiteten Jugendlichen stellen – und taten das mit sichtlicher Freude. Neben bundespolitischen Problemstellungen standen auch lokal- und europapolitische Themen auf der Agenda. Der angespannte Wohnungsmarkt in Hannover, Waffenexporte und die Flüchtlingspolitik waren ebenso Gesprächsgegenstand wie kritische Fragen zu Lobbyismus und Entschädigungen für Abgeordnete.

Politische Bildung durch persönliche Gespräche

© Ada-und-Theodor-Lessing-Volkshochschule Hannover
Bildnachweis: Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, im Gespräch mit teilnehmenden Jugendlichen.
Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, im Gespräch mit teilnehmenden Jugendlichen.

Da jeweils in kleinen Gruppen diskutiert wurde, kamen zahlreiche vertiefte Gespräche in einer persönlichen Atmosphäre zustande. Nach einer festgelegten Gesprächszeit wechselten die Jugendlichen jeweils den Tisch und damit auch die Gesprächspartnerin bzw. den Gesprächspartner, sodass sie jede Politikerin bzw. jeden Politiker kennen lernen und mit diesen über die für sie relevanten Fragen und Probleme diskutieren konnten.

Die jungen Akteure hatten sich im Rahmen eines eintägigen VHS-Kurses intensiv auf die Veranstaltung vorbereitet. Dabei wurden bedeutsame Themen herausgearbeitet, aber auch kommunikative Fähigkeiten verfeinert, denn für viele Jugendliche ist eine solche Diskussionsrunde mit rhetorisch geschulten Persönlichkeiten doch eine ungewohnte Situation. Unterstützt wurden die jungen Leute während der Veranstaltung von Moderatorinnen und Moderatoren. Diese sorgten dafür, dass die Gespräche an den Tischen keinen einseitigen Verlauf nahmen und jede bzw. jeder seine Position vortragen konnte. Zudem war eine Gesamtmoderatorin dafür verantwortlich, durch die Veranstaltung zu führen, den Ablauf des World Cafés zu erklären, Tischwechsel anzusagen, Zwischenergebnisse graphisch zu dokumentieren und die abschließende Feedbackrunde zu moderieren. Am Ende der Veranstaltung zeigten sich sowohl die Jugendlichen als auch die Politikerinnen und Politiker sehr zufrieden. Caren Marks , die auch Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ist, wünschte sich, dass derartige Veranstaltungsformate Schule machen und häufiger stattfinden. Michael Guttmann, Leiter der Volkshochschule Hannover, bekräftigte in diesem Kontext, dass sein Haus für ein solches Dialogformat gern wieder zur Verfügung stehe. Auch die jungen Diskutantinnen und Diskutanten zeigten großes Interesse, nochmals an solch einer Gesprächsrunde teilzunehmen. Schließlich wollen viele der Jugendlichen wissen, welche politischen Ziele umgesetzt und warum für manche Vorhaben möglicherweise keine Mehrheiten gefunden werden. Denn, auch das erfuhren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Debatten: Demokratische Prozesse sind stets durch Kompromisse und den Respekt vor Mehrheiten gekennzeichnet. Im Umkehrschluss bedeutet dies eben auch, die eigenen politischen Interessen nicht immer durchsetzen zu können und Kontroversen aushalten zu müssen
Bevor allerdings die Volkshochschule in Hannover möglicherweise erneut Gastgeberin für eine solche Diskussionsrunde ist, werden im Spätsommer ähnliche Veranstaltungen mit Jugendlichen an anderen Volkshochschulen durchgeführt. So hat zum Beispiel die VHS Leipzig ein Jugendforum zur Bundestagswahl organisiert. Heiß her gehen wird es sicher auch beim Grillduell zwischen Jugendlichen und Thüringer Politikerinnen und Politikern an der VHS Erfurt. Die Bundestagswahlen stehen dann unmittelbar bevor – höchste Zeit also, dass die jungen Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen.
aus: dis.kurs 3/2017 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.

Förderinformationen

Projekte wie dieses können über das DVV-Förderprogramm „Politische Jugendbildung“ aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans (BMFSFJ) gefördert werden. Eine Antragstellung für das Förderjahr 2018 ist noch bis 1. November 2017 möglich.

Förderanfragen können gern an das Referat „Politische Jugendbildung“ des DVVs (langholz@dvv-vhs.de oder winands@dvv-vhs.de) gerichtet werden.

Die Autoren

Dr. Martin Winands und Magda Langholz sind Referenten im Projekt „Politische Jugendbildung“ beim DVV.