Panorama

Spielend Deutsch lernen

Im Rahmen von Project Reconnect wurden an die Volkshochschulen 4.500 Chromebooks für die Arbeit mit Geflüchteten verteilt.
© Edith Kalka
Bildnachweis: Das individuelle und sofortige Feedback spornt die Teilnehmer an.
Das individuelle und sofortige Feedback spornt die Teilnehmer an.

10.06.2016: Freitag, am späten Vormittag in Berlin: Die Sonne scheint, draußen herrschen sommerliche Temperaturen und die Kursteilnehmer meines „Deutsch-für-Flüchtlinge“- Kurses an der VHS Berlin-Mitte bilden die männliche Form von Hausfrau und die weibliche von Programmierer: „Haus-mann“, „Pro-gram-mie-rer-in“. Phonetisch schon eine kleine Herausforderung, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie seit gerade einmal sieben Wochen Deutsch lernen und sprechen. Lulu aus dem Tschad ist von Beruf Baggerfahrer, die weibliche Form kann er jetzt auch problemlos bilden.

Zufrieden mit den Lern-Fortschritten dieser Woche schlage ich vor, in der letzten Stunde einen Film anzuschauen. Die Begeisterung ist groß. Doch verbirgt sich hinter meinem Angebot eine weitere Absicht: nämlich das Thema Berufe mithilfe der Lernplattform „Ich-will-Deutsch-lernen.de“ (iwdl.de) noch einmal zu vertiefen. Und so wird nicht irgendein Film geschaut! Nein! Der von Lektion elf. Der mit Emre und seinem Neffen Cem, in dem es um Berufe geht.

© Edith Kalka
Bildnachweis: Die iwdl-Lernplattform vermittelt Sprache mithilfe der klassischen vier Fertigkeiten Hören, Schreiben, Sprechen und Lesen.
Die iwdl-Lernplattform vermittelt Sprache mithilfe der klassischen vier Fertigkeiten Hören, Schreiben, Sprechen und Lesen.

Noch schnell die Chromebooks, Adapter, Kopfhörer und Mäuse zusammengesteckt und die Teilnehmer sicher über das Spielfeld der iwdl-Lernplattform zur Lektion elf gelotst, geht es endlich los – das Kino im Kleinformat. Jede Lerneinheit der Plattform beginnt mit einem kleinen Film. Doch statt sich entspannt nach hinten zu lehnen, tauchen die Köpfe der Teilnehmer schon fast in die Bildschirme ein. Höchst konzentriert verfolgen sie den Dialog zwischen Onkel und Neffe. Lulu ist begeistert: „Mit Film ist gut. Ich habe viel verstanden.“

Jeder lernt in seinem Tempo

© Edith Kalka
Bildnachweis: Spielen gibt dem Lernen eine Leichtigkeit.
Spielen gibt dem Lernen eine Leichtigkeit.

Und dann erzählt er mir – sprudelnd – was er gesehen hat. „Die sprechen ja Türkisch“ ruft Nabil aus Syrien dazwischen und wundert sich, dass sich Emre und Cem auf Türkisch begrüßen. Doch der Film ist nur der Einstieg. Danach kommen die Aufgaben: „Wer übt die Berufe aus? Ein Mann oder eine Frau? Hören Sie die Berufe und wählen Sie die richtigen Antworten aus!“ lautet zum Beispiel eine. Und nun wird fleißig gehört, gelesen, geschoben, sortiert, gesprochen, getippt und geklickt und ganz nebenbei werden die verschiedenen rezeptiven und produktiven Sprachlern-Fertigkeiten erworben.

Und das geht unterschiedlich schnell. Denn die Teilnehmer kommen nicht nur aus verschiedenen Ländern, ihr Bildungshintergrund ist ebenso unterschiedlich wie ihre Erfahrungen im Umgang mit Computern oder ihre Lerngeschwindigkeit.

© Edith Kalka
Bildnachweis: Die Teilnehmer bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Anders als im „normalen“ Unterricht kann hier jeder sein eigenes Lerntempo wählen.
Die Teilnehmer bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Anders als im „normalen“ Unterricht kann hier jeder sein eigenes Lerntempo wählen.

Anders als im „normalen“ Unterricht kann hier jeder sein eigenes Lerntempo wählen. Die Lernplattform korrigiert die fertiggestellten Übungen automatisch mit Grün und Rot – ein sofortiges und ganz individuelles Feedback, das alle anzuspornen scheint. Basir aus Afghanistan, der seinem Freund Jagub beim computergestützten Lernen ein bisschen hilft, formuliert es so: „Ich habe mit den Wörtern und Sätzen gespielt.“ Und Spielen ist immer gut. Spielen gibt dem Lernen Leichtigkeit. „Es ist nicht langweilig,“ lacht Lulu. Und fügt voller Stolz hinzu: „Ich habe vier neue Sätze gefunden. Und gelernt. Und ins Heft geschrieben. Zum Wiederholen – für zuhause.“

Hintergrund

Das Sprachlernportal „Ich-will-Deutsch-lernen.de“ (iwdl.de) des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e. V. (DVV) wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und ist seit 2013 online. Das Blended Learning-Projekt zur Förderung der sprachlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Integration Zugewanderter erlebt mit dem vermehrten Zuzug Geflüchteter gerade einen enormen Bedeutungszuwachs, sowohl für das selbstgesteuerte E-Learning als auch in Ergänzung zu Deutscheinstiegs- und Integrationskursen.

Im Rahmen von Project Reconnect, einer Initiative zu Gunsten von Geflüchteten, haben das NGO-Netzwerk NetHope und sein Technologie-Sponsor Google.org insgesamt 4.500 Chromebooks im Gesamtwert von rund 900.000 Euro an den DVV und die Landesverbände der Volkshochschulen in Niedersachsen und im Saarland gespendet.

Mit den Geräten werden bundesweit an zahlreichen Volkshochschulen Lerncafés und ähnliche Lernumgebungen auf- oder ausgebaut, um Geflüchtete beim Erwerb der deutschen Sprache zu unterstützen. Unter anderem kommen die Geräte in der neuen E-Learn-Bar VHS Berlin-Mitte in den Räumen der Zentral- und Landesbibliothek zum Einsatz.

Darüber hinaus werden die Chromebooks im Deutschunterricht sowie in der Lernbegleitung eingesetzt. 3000 dieser Geräte wurden an Volkshochschulen und andere gemeinnützige Bildungsträger verteilt, die Lernangebote im Projekt „Einstieg Deutsch“ durchführen. Die Lernangebote bestehen aus einer Kombination aus klassischem Deutschunterricht und E-Learning. Sie vermitteln Geflüchteten Deutsch für den Alltag und führen sie an die Nutzung digitaler Lernmedien heran.
(aktualisiert am 12.06.2017).