Panorama

Raus aus der Nische, rein in vernetztes Denken

Sprachförderung für Geflüchtete
© Nola Bunke30.09.2016: Als 2015 mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen, richteten Volkshochschulen innerhalb kurzer Zeit Sprachkurse ein mit dem Ziel einer ersten sprachlichen Orientierung. Ab November waren Volkshochschulen das quantitative und qualitative Rückgrat des allgemeinen Sprachförderprogramms der Bundesagentur für Arbeit. Parallel bauten sie ihr Angebot an Integrationskursen massiv aus, denn die Bundesregierung schätzte die Teilnehmerzahl für 2016 auf rund 550.000. Wie stellt sich die Situation heute – ein Jahr später – dar? Was wurde erreicht und was muss vor allem noch getan werden?

Sprachförderprogramme verlinken

Für Geflüchtete steht heute eine beeindruckende Vielfalt an Landes- und Bundesprogrammen zur Sprachförderung zur Verfügung. Allerdings sind die Maßnahmen nicht ausreichend aufeinander abgestimmt, teilweise stehen sie sogar in Konkurrenz zueinander. Dieser Zustand ist untragbar: Aus den vorhandenen Sprachförderinstrumenten muss nun endlich eine kohärente Sprachförderkette entwickelt werden, die Geflüchtete – und zwar zunächst alle – bereits wenige Tage nach der Ankunft in Deutschland eingliedert, ihnen das Erreichen eines Grundniveaus zur sprachlichen Teilhabe ermöglicht und bei jenen mit guter Bleibeperspektive bis zur vollständigen sozialen und beruflichen Integration reicht. Flüchtlinge müssen nach ihren individuellen Voraussetzungen und Möglichkeiten die Sprache zielgerichtet lernen können. Dies setzt eine vorherige Anamnese des Bildungs- und Lernstands und eine flächendeckende Einstufungs- und Bildungsberatung ebenso voraus wie eine gute pädagogische Betreuung und Begleitung während des Lernprozesses inmitten reibungslos ineinandergreifender Elemente der Sprachförderkette. Die Verzahnung muss nicht bei null anfangen. Mit dem neuen „Gesamtprogramm Sprache“ will die Bundesregierung ab 2017 sicherstellen, dass das Sprachenlernen frühzeitig um Elemente beruflicher Bildung ergänzt wird. Dies ist sicherlich sinnvoll für neu Angekommene, die schnell in Arbeit und Beruf integriert werden wollen, aber auch sinnvoll für viele schon länger in Deutschland lebende Zuwanderer, deren Beteiligung vor allem an Maßnahmen zur betrieblichen Weiterbildung viel zu gering ist. Gleichwohl bedarf es stets seiner sorgfältigen und vor allem auch individuellen Abstimmung, ab wann die Sprachförderung mit konkreten Instrumenten der Arbeitsmarktförderung verlinkt wird. Denn eine verfrühte Zuweisung in solche Maßnahmen kann den für den beruflichen Erfolg eminent wichtigen grundlegenden Spracherwerb empfindlich stören und schnurstracks in den Niedriglohnsektor führen. Hiervor haben erst jüngst die kommunalen Spitzenverbände in Niedersachsen gewarnt.
Mit dem BMBF-geförderten Programm „Einstieg Deutsch“ steuert auch der DVV seit dem Sommer 2016 ein wichtiges Glied zur Sprachförderkette bei, das früh ansetzt und auf einen bruchlosen Übergang in den Integrationskurs abzielt.

Paradoxien beseitigen

© Nola BunkeDas zentrale Element der Sprachförderkette ist der Integrationskurs. Mit der Erhöhung der Honoraruntergrenze für freiberufliche Lehrkräfte von bisher 23 Euro auf 35 Euro zum 1. Juli 2016 hat die Bundesregierung – insbesondere auf Initiative des DVV und der kommunalen Spitzenverbände – die Weichen dafür gestellt, dass die Honorarkräfte in Integrationskursen qualifikationsadäquat bezahlt werden, ihre Abwanderung in den Schulbereich gestoppt und neue Lehrkräfte für Integrationskurse gewonnen werden können.

» Aus den vorhandenen Sprachförderinstrumenten muss nun endlich eine kohärente Sprachförderkette entwickelt werden.«

Aus dem Blick geraten ist der Bundesregierung dabei die Kostensteigerung bei den Trägern, hervorgerufen beispielsweise dadurch, dass Flüchtlinge häufig sozialpädagogische und psychologische Betreuung sowie Dolmetscher benötigen und aus verschiedenen Gründen, die sie meist nicht selbst zu verantworten haben, auch Kurse abbrechen müssen. Mit nunmehr 3,90 Euro liegt die Trägerpauschale pro Integrationskursteilnehmer immer noch deutlich unterhalb des vom DVV errechneten Kostendeckungssatzes von 4,40 Euro. Die Folge sind Paradoxien im System: Wegen der besseren Bezahlung entschärft sich der Kursleitermangel signifikant, gleichzeitig können viele Träger ihr Angebot aber nicht ausweiten, weil die Pauschale die Kosten des Kurses nicht deckt. Ohne eine schnelle Abhilfe drohen wichtige Strukturen dauerhaft beschädigt zu werden. Den Anfang machen die so wichtigen Alphabetisierungskurse, die betriebswirtschaftlich gar nicht mehr tragbar sind. Der DVV und die kommunalen Spitzenverbände haben die Bundesregierung auf die Situation aufmerksam gemacht und auf dringende Abhilfe gedrungen.

Mehr Effizienz durch Steuerung

Angebot und Nachfrage nach Integrationskursen sind vor Ort nicht ausbalanciert. Überkapazitäten bei Trägern sind ebenso an der Tagesordnung wie lange Wartezeiten für zugelassene Kursinteressierte.
Viele Volkshochschulen haben nach der Ankündigung hoher Teilnehmerzahlen, einer reibungslosen Überleitung aus den Sprachfördermaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit sowie verkürzter Asylverfahren ihre Kapazitäten ausgebaut und müssen nun feststellen, dass die Plätze leer bleiben. Dies nicht, weil es keine Interessenten gäbe, sondern weil viele Flüchtlinge monatelang auf die Zulassung zum Integrationskurs warten müssen oder behördlicherseits kurzfristig zu Wohnortwechseln veranlasst werden. Zugleich fehlen andernorts Integrationskurse oder Flüchtlinge werden nicht schnell genug in vorhandene Angebote vermittelt. Um Abhilfe zu schaffen, hat der DVV dem BAMF ein kommunales Steuerungsmodell vorgeschlagen, das auf dem Grundsatz von Planungssicherheit basiert: Die zugelassenen Träger garantieren dem BAMF vor Ort ein jährliches Mindestkursangebot
und machen die Kursstarts in einer Datenbank transparent. Im Gegenzug sichert das BAMF den Trägern eine Garantieförderung für dieses Mindestkursangebot zu. So könnten beide Seiten vorausschauend planen.

Strukturen bedarfsgerecht ausbauen

Die Volkshochschulen konnten nur deshalb zu einer tragenden Säule der Flüchtlingsintegration werden, weil sie ihre personellen und materiellen Ressourcen stark auf diesen Bereich konzentriert haben. In einer akuten gesellschaftlichen Ausnahmesituation ist das vertretbar, vermittelbar und auch erforderlich. Auf Dauer jedoch reißt eine solche Praxis Gräben auf zu den klassischen Teilnehmergruppen, die ebenfalls berechtigte Weiterbildungsansprüche artikulieren. Der umfangreiche Bildungsbedarf der nach Deutschland geflüchteten Menschen, der sich nicht nur auf das Erlernen der Sprache beschränkt, wird die Volkshochschulen noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Deshalb müssen sie jetzt von Bund, Ländern und Gemeinden zur Wahrnehmung dieser Aufgabe auch mit den notwendigen Strukturmitteln ausgestattet werden, um die Personal- und Sachkosten dauerhaft decken zu können.

Fazit

Die verschiedenen staatlichen Ebenen habe im Verbund mit den Trägern in nur einem Jahr ein beachtliches Sprachförderangebot für Geflüchtete auf den Weg gebracht. Mit inhaltlicher Nachjustierung, vermehrter Kooperation, intelligenter Steuerung und fairem Umgang mit den Trägern kann dieses nun zu einer wirksamen Sprachförderkette weiterentwickelt werden. Damit die Integration von Flüchtlingen kein Wunschdenken bleibt.
aus: dis.kurs 3/2016 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.