Panorama

Potenziale digitaler Medien beim Zweitsprachenlernen

Interview mit Dr. Rola Naeb

Können Sie unseren Leserinnen und Lesern etwas über Ihre Person und Ihre Arbeit als Wissenschaftlerin und Hochschuldozentin erzählen?

Dr. Rola Naeb, Dozentin für Angewandte Linguistik und TESOL an der Northumbria Universität in England. Rola Naeb studierte bis 1998 englische Sprache und Literatur an der Universität Aleppo in Syrien.

31.03.2017: Ich heiße Rola Naeb und ich lehre Angewandte Lingustik und Englisch als Fremdsprache (TESOL) an der Northumbria University in Großbritannien. Ich bin auch für den Masterstudiengang Applied Lnguistics and TESOL verantwortlich. Ich interessiere mich sehr für Bildungstechnologien und ganz besonders für den Einsatz von Technologien, die das Nutzerverhalten messen, um ein besseres Verständnis für Lernprozesse zu gewinnen. Damit meine ich das Sammeln von Daten darüber, was Lernende in Echtzeit tun. Wie Chun und viele andere Forschende betonen, können solche Daten wertvolle Einblicke in den Zweitspracherwerb und das pädagogische Konzept gewähren, indem sie präzise Auskunft darüber geben, was Lernende tun und nicht tun. Und man erkennt daran, ob es eine Beziehung zwischen Lernergebnissen und dem Lernprozess gibt.

Was sind die Potenziale digitaler Medien beim Zweitsprachenlernen?

Es besteht kein Zweifel daran, dass die jüngsten Fortschritte im Bereich Technik und digitale Medien weiterhin das Lehren und Lernen von Sprachen beeinflussen. Diese Fortschritte schaffen neue Bedarfe, neue Kontexte für das Sprachenlernen und neue Formen der Kommunikation. Die Potenziale der Technik im Sprachenlernen würde ich nach Schrooten in vier Punkten zusammenfassen:
  • sie ermöglicht ein hohes Maß an Differenzierung, mit dem individuelle Bedarfe und Fähigkeiten bedient werden können;
  • sie bezieht die Lernenden stark mit ein und motiviert sie dadurch in hohem Maße;
  • sie bietet auf vielerlei Weise angereicherte Inhalte;
  • sie verschafft dem Lehrenden Freiraum, so dass sie/er sich um einzelne Lernende kümmern kann
Dies ist heute noch genauso gültig wie 2006, als Schrooten die Punkte formulierte. Die Technik ist heute verfügbar und bezahlbar, digitale Medien sind leicht zu benutzen und allgemein zugänglich – unter diesen Bedingungen beschränkt sich Alphabetisierung nicht nur darauf, lesen und schreiben zu können. Lernende müssen zum Beispiel wissen, wie man Onlineformulare ausfüllt und wie man im Internet Informationen über Dienstleistungen und Produkte findet.

Unterstützen digitale Lernprogramme eher Menschen, die ohnehin schon geübt sind im Sprachenlernen und wissen, wie sie ihre Lernaktivitäten erfolgreich organisieren? Oder sind sie auch hilfreiche Instrumente für bildungsbenachteiligte Menschen?

Digitale Lernprogramme bieten allen Sprachenlernenden Vorteile, am meisten jedoch den bildungsbenachteiligten Menschen. Diejenigen, die bereits im Sprachenlernen geübt sind oder im hohen Maße autonom lernen, lernen durch solche Programme schneller. Sie erhalten Zugang zu Materialien und Instrumenten, mit denen sie zügiger ihre individuellen Lernziele erreichen.

Den bildungsbenachteiligten Lernenden helfen technisch gestützte Lernprogramme ebenfalls, Zugang zu Materialien zu erhalten, die auf ihre Bedarfe und Lerngeschwindigkeit zugeschnitten sind. Solche Materialien helfen Lernenden, deren Lese- und Schreibkenntnisse sich noch entwickeln. Programme wie die App „Einstieg Deutsch“ geben ihnen Zugang zu Phrasen und Dialogen, was ihre Fähigkeit zur Alltagskommunikation verbessert. Wir sollten auch nicht vergessen, dass ein Basiswissen in Hinblick auf Technikfragen und IT-Anwendung heutzutage in der Alltagsbewältigung lebenswichtig ist. Menschen ohne IT-Kenntnisse oder mit sehr eingeschränkten Nutzungsfähigkeiten haben deutlich geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Wissen Sie etwas darüber, wie Flüchtlinge aus Syrien und Nahost erfolgreich Sprachen lernen – auf der Flucht und in den Ländern, in denen sie stranden?

© DVVDie meisten Flüchtlinge, auch die Analphabeten unter ihnen, wissen, wie man ein Smartphone benutzt und kennen zumindest die wichtigsten Funktionen des Geräts. Flüchtlinge mit sehr geringer formaler Bildung haben sich mithilfe von Smartphone-Anwendungen durch ganz Europa durchgeschlagen, dazu gehören Navigations-Apps ebenso wie Übersetzungsanwendungen. Die Reisen wirken sich beträchtlich auf die Sprachkenntnisse aus, aber noch mehr entwickeln die Menschen Problemlösungsstrategien. Diese wiederum können die Autonomie im Sprachenlernen fördern.

Meiner Ansicht nach lernen Flüchtlinge die Sprache des Landes, in dem sie stranden, hauptsächlich, um zu überleben. Sie müssen kommunizieren, um zu überleben. Letztlich prägen sie sich Phrasen und Äußerungen ein und benutzen diese Chunks, um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen.
Wir müssen noch viel stärker erforschen, wie Unterstützer, Lehrmaterialentwickler und Lehrende das Wissen und die Kenntnisse, die auf der Flucht erworben wurden, stärker für das Lernen nutzbar machen können.

aus: dis.kurs 1/2017 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.