Panorama

„Ich mache mir Sorgen, dass im Kurs etwas passieren könnte …“

Pilotprojekt „Soziale Begleitung in Integrationskursen“ in Bremen
© vhs Bremen
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Katja Frische (r.) mit einer Teilnehmerin vor deren Wohnhaus: Die Sozialpädagogin ist oft die erste Ansprechpartnerin bei Problemen jeglicher Art, auch im häuslichen Umfeld.

11.10.2018: Ich mache mir Sorgen, dass im Kurs etwas passieren könnte. Die meisten meiner Schüler kommen aus Kriegsgebieten. Andere haben auf der Flucht Schreckliches erlebt. Einige sind empfindlich und manchmal aggressiv. Andere sind schwer krank.“

Immer wieder berichteten so oder so ähnlich Dozentinnen und Dozenten der Bremer Volkshochschule in den vergangenen drei Jahren über ihren Unterrichtsalltag in Integrationskursen. Meist endeten die Berichte mit einem Appell: „Wir brauchen dringend einen Sozialarbeiter, der sich um diese besonders belasteten Menschen kümmert!“
In dieser schwierigen Lage stellte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Finanzmittel bereit, um die Förderung einer sozialen Begleitung in Integrationskursen zu erproben. Die Bremer Volkshochschule, an der jährlich rund 80 Integrationskurse starten, nutzte die Chance. Sie stockte die Fördermittel des BAMF auf, schuf eine halbe Stelle für eine sozialpädagogische Fachkraft und startete das Pilotprojekt ab Ende 2017 in acht Integrationskursen.
Zu den größten Herausforderungen gehörte es, innerhalb weniger Wochen geeignetes Personal und Räume zu finden. Zudem musste die vhs ein erstes Konzept entwickeln, um durch soziale Begleitung den Lern- und Integrationserfolg der Teilnehmenden in den Kursen zu fördern.

Erst die Lösung der oft als existenziell empfundenen Probleme ermöglicht es manchem Teilnehmenden, dem Unterricht interessiert und aufmerksam zu folgen und gute Lernfortschritte zu erzielen.“

Miteinander ins Gespräch kommen – aber wie?

Da sich das Angebot aufgrund der Förderrichtlinien meist an Sprachanfänger richtet, besteht die erste Hürde darin, mit den Kursteilnehmenden ins Gespräch zu kommen. An der Bremer vhs überwinden wir sie dadurch, dass die Projektleitung jeden der geförderten Kurse besucht und das Angebot der sozialen Begleitung vorstellt. In Kursen mit Teilnehmern, deren deutsche Sprachkenntnisse noch gering sind, hilft ein Übersetzer.
Mit der Einstiegsfrage „Was gehört für Sie zu einem guten Leben in Deutschland?“ nimmt die sozialpädagogische Fachkraft den Dialog mit den Kursteilnehmern auf. „Medizinische Versorgung, Wohnung, Essen, Deutsch lernen, Arbeit haben, Geld haben, Kinderbetreuung“ sind die gängigen Antworten.
„Was fehlt Euch im Moment davon?“ ist die zweite Frage des einfach gestalteten Arbeitsblattes, auf dem die Kursteilnehmenden Probleme und Wünsche in Bezug auf ihre aktuelle Lebenssituation aufschreiben oder zeichnen können. Die Kursleitung und die Fachkraft unterstützen beim Ausfüllen des Papiers. Im Anschluss stellt die sozialpädagogische Fachkraft in einer anschaulichen Präsentation zum Thema „Soziale Begleitung“ mögliche Beratungsschwerpunkte wie Wohnen, medizinische Versorgung, Kontakt mit dem Jobcenter, Sport und andere vor. Abschließend informiert sie, wann und wo die soziale Beratung an der Volkshochschule stattfindet.

Soziale Begleitung in der Praxis

Die einzelnen Kurse aufzusuchen und die Teilnehmenden nach ihren Wünschen und Bedürfnissen zu fragen, bewährt sich in der Praxis. Die Fachkraft erhält auf diese Weise einen Einblick in die Situation in den Klassen und findet einen ersten persönlichen Kontakt zu einzelnen Teilnehmenden. Für die Teilnehmenden sinkt mit dieser ersten Begegnung die Hemmschwelle, die soziale Beratung aufzusuchen. Entsprechend waren die Beratungssprechstunden von Beginn an stark nachgefragt. Dabei brachten die Besucher sehr unterschiedliche Probleme mit.
Ein Schüler wohnte mit sechs Familienangehörigen in einem Zimmer. In dieser Umgebung war an Hausaufgaben und konzentriertes Lernen nicht zu denken. Er wurde mit der Fachstelle zur Vermittlung von Wohnraum an Geflüchtete in Kontakt gebracht. Auch verschuldete Migranten suchten die Beratung auf. In Unkenntnis hatten sie Verträge abgeschlossen, Mahnschreiben nicht verstanden und ignoriert. In diesen Fällen recherchierte die Beraterin Geschäftsbedingungen, sprach mit Gläubigern und vermittelte an eine Rechtsberatung. Für Eltern, die um das Sorgerecht für ihre Kinder kämpften, konnte ein Fachanwalt für Familienrecht gefunden werden.
Auch auf den ersten Blick unwichtig erscheinende Probleme kamen zur Sprache. Etwa die reparaturbedürftige Balkontür einer Kursteilnehmerin. Die Mutter fürchtete, dass ihre Kinder unbeaufsichtigt auf den Balkon gelangen und hinab fallen könnten. Dem Hausmeister konnte sie dieses Problem aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht vermitteln. Mit Hilfe der sozialen Begleitung wurde die Reparatur auf den Weg gebracht. Überhaupt war die Kommunikation eine der größten Herausforderungen bei der Beratung. In den wenigsten Fällen ging es dabei aber um sprachliche Hürden. Vielmehr waren den Teilnehmenden ihre Probleme im Lauf der Zeit oft derartig über den Kopf gewachsen, dass sie sie nicht mehr auseinanderhalten und einzeln benennen konnten. So verflochten sich im Laufe der Monate finanzielle Forderungen Dritter mit Familienstreit und dem Wohnungsproblem. Es entstand ein Konglomerat aus Angst, Scham und Verzweiflung. In diesen Fällen war es wichtig, im Gespräch die einzelnen Problemfelder zu erkennen und Prioritäten bei der Lösung zu setzen. Erst die Lösung der oft als existenziell empfundenen Probleme ermöglicht es manchem Teilnehmenden, dem Unterricht interessiert und aufmerksam zu folgen und beim Lernen gute Fortschritte zu erzielen.
Neben der Beratung wurde an der Bremer Volkshochschule auch Lernbegleitung für Kursteilnehmer angeboten und durchgeführt. Wegen der steigenden Nachfrage in der Beratung war es für die Fachkraft jedoch bald nicht mehr möglich, diesen Termin weiter regelmäßig anzubieten. Alternativ verwies sie auf Sprachcafés in Stadtteilläden und der vhs selbst. Diese Schwerpunktsetzung war notwendig, um die Beratung in angemessenem Umfang aufrechterhalten zu können.

Pilotprojekt „Soziale Begleitung in Integrationskursen“

Seit November 2017 fördert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als Pilotprojekt die soziale Begleitung in Integrationskursen.

Die im Projekt eingesetzten sozialen Begleiter sollten eine (sozial-) pädagogische Qualifikation und/oder entsprechende Berufserfahrung sowie weitere Kompetenzen mitbringen. Ziel ihrer Tätigkeit ist es, den „Lern- und Integrationserfolg der Teilnehmenden“ durch soziale Beratung, Lernbegleitung, Krisenintervention, Einzelfall-hilfe und Organisation eines Beratungsangebotes zu unterstützen (vgl. Anlage 1 zum Trägerrundschreiben 16/17 vom 17.11.2017 des BAMF).

Ob eine weitere befristete oder dauerhafte Finanzierung der sozialen Begleitung in Integrationskursen möglich ist, wird auf Grundlage einer begleitenden Evaluierung und eines Berichts des Bundesamtes voraussichtlich im Oktober 2018 vom Innenministerium entschieden werden. Aufgrund der positiven Erfahrungen in Bremen und an anderen Volkshochschulen scheint sie dringend geboten.

Soziale Begleitung kann Wege zu anderen Angeboten weisen

Ende November 2018 wird die Förderung des Pilotprojekts auslaufen. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass eine „soziale Begleitung im Integrationskurs“ grundsätzlich sinnvoll und notwendig ist. Sie entlastet die Kursleitungen, orientiert die Teilnehmenden bei der Lösung von Problemen und bewirkt so effizienteres Lernen. Für Teilnehmende liegt die Schwelle, ein Beratungsangebot direkt in der vhs in Anspruch zu nehmen, sehr viel niedriger als eine extern angesiedelte Stelle aufzusuchen. Oft verweist die Sozialpädagogin an spezialisierte Hilfseinrichtungen und ist damit eine gute Ergänzung zu der bereits bestehenden Beratungsstruktur in der Kommune. Auf diese Weise gelingt es, Zugewanderte an Institutionen zu vermitteln, zu denen sie – auf sich allein gestellt – oftmals keinen Zugang finden würden. Damit schließt die Begleitung eine Lücke zwischen Integrationskurs und weiterführenden Beratungs- oder Integrationsangeboten. Die Fortführung des Projekts scheint aufgrund dieser Erfahrungen wichtig und – so lange eine anhaltend hohe Zahl von Geflüchteten in den Kursen lernt – unbedingt notwendig.
aus: dis.kurs 3/2018 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.