Panorama

Kurze Wege zum Deutschunterricht

Im Projekt „Einstieg Deutsch“ kommen Lehrkräfte in Unterkünfte
Shaziya Husseini und ihr Mann Azis besuchen gemeinsam den Deutschunterricht in ihrem Flüchtlingsheim in Boppard
Bildnachweis: Shaziya Husseini und ihr Mann Azis besuchen gemeinsam den Deutschunterricht in ihrem Flüchtlingsheim in Boppard
Shaziya Husseini und ihr Mann Azis besuchen gemeinsam den Deutschunterricht in ihrem
Flüchtlingsheim in Boppard

13.12.2017: Shaziya Husseini sitzt bereits im Klassenzimmer, vor sich ihr Deutschbuch. Ihr Mann Azis bringt noch schnell die drei Kinder zur Betreuung. Das Ehepaar ist vor zweieinhalb Jahren aus Afghanistan geflüchtet und lebt nun in einem Flüchtlingsheim in Boppard, in Rheinland-Pfalz. Seit rund drei Monaten lernen sie dort Deutsch, dreimal pro Woche kommt im Rahmen des Projekts „Einstieg Deutsch“ ein Dozent der VHS zu ihnen in die Unterkunft.

Nah am Lebensumfeld der Flüchtlinge

Im Klassenraum arbeitet Dozent Heinz Simon mit einer Minimal-Ausstattung: Tische, Stühle und eine kleine Tafel.
Bildnachweis: Im Klassenraum arbeitet Dozent Heinz Simon mit einer Minimal-Ausstattung: Tische, Stühle und eine kleine Tafel.
Im Klassenraum arbeitet Dozent Heinz Simon mit einer Minimal-Ausstattung: Tische, Stühle und eine kleine Tafel.

Nach und nach treffen auch die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer im improvisierten Klassenzimmer ein. Viel passt in den kleinen Raum nicht hinein: Ein paar ausrangierte Schultische und -stühle, eine Tafel auf Rollen und ein CD-Player. Zehn Schüler hat Dozent Heinz Simon heute, alle begrüßt er einzeln, fragt nach dem Befinden, erkundigt sich nach den Kindern und Ehepartnern. Dadurch, dass Lebensraum und Lernraum hier so nah beieinander liegen, kennt er die meisten Familienmitglieder seiner Kursteilnehmer und weiß, wie ihr alltägliches Umfeld aussieht. „Das ist auch von Vorteil für den Unterricht“, meint Simon. „Als wir zum Beispiel das Thema Wohnen und Möbel behandelt haben, war es gut zu wissen, wie meine Schüler leben.“ Und auch bei Rollenspielen und Übungen im Unterricht kann er sein Wissen mit einbeziehen. Dann sind nicht fiktive Personen Teil eines Dialogs, sondern Shaziya und ihr Mann, die sich darüber unterhalten, wer die Kinder heute in die Betreuung bringen kann. Oder ihre Mitschülerin Rogajeh Mohamadi soll in der Schule anrufen, um ihre Tochter krank zu melden. Denn der Unterricht orientiert sich am Alltag der Geflüchteten und schult vor allem die mündliche Kommunikation.

Einmal pro Woche lernen die Teilnehmer nicht mit Tafel und Lehrbuch sondern am Computer. Dann bearbeiten sie mit Unterstützung einer ehrenamtlichen Helferin selbständig Übungen im Lernportal ich-will-deutsch-lernen.de. Damit das klappt, musste allerdings zunächst eine bessere WLAN-Verbindung in der Unterkunft eingerichtet werden.

Parallele Kinderbetreuung

Während die Eltern lernen, werden die Kinder im Spielzimmer betreut.
Bildnachweis: Während die Eltern lernen, werden die Kinder im Spielzimmer betreut.
Während die Eltern lernen, werden die Kinder im Spielzimmer betreut.

Während ihre Eltern Deutsch lernen, bauen die drei Kinder von Shaziya und Asiz im Spielzimmer Türme aus Legosteinen, blättern in Bilderbüchern oder toben mit den anderen Kindern und ihren beiden Betreuerinnen. Sechs Kinder im Alter von eins bis fünf Jahren werden hier zeitgleich zum Sprachunterricht beaufsichtigt. Und wenn sie ganz große Sehnsucht nach den Eltern haben, flitzen sie die Treppe herunter und stecken kurz den Kopf ins Klassenzimmer.

Rund 40 Geflüchtete leben derzeit in der Unterkunft in Boppard, überwiegend Familien und alleinerziehende Mütter. Ein Teil der Bewohner hat einen Platz im Integrationskurs, die restlichen waren bisher jedoch unversorgt. Zwar liegt das Haus idyllisch und ruhig im Grünen, es ist jedoch mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur sehr schlecht angebunden. Das war auch der Grund, warum die VHS Boppard sich entschieden hat, den Deutschunterricht direkt vor Ort anzubieten, erläutert Ursula Forneck, die die Kurse für die VHS koordiniert, und ergänzt: „In der Unterkunft hatten wir zudem beste Voraussetzungen, um die Kinderbetreuung einzurichten“. Diese wird ebenso wie der Unterricht aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Sechs Euro stehen pro Kind und Unterrichtsstunde zur Verfügung. Das Kinderzimmer war bereits mit Teppichen, Möbeln und Spielsachen ausgestattet. Nur die beiden Betreuerinnen musste die VHS noch gewinnen.

Flüchtlingsheime stellen Räume für VHS Hamburg

Ganz andere Dimensionen als in der beschaulichen Kleinstadt am Rhein haben die Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg, in denen die Hamburger Volkshochschule – ebenfalls im Rahmen des Förderprojekts „Einstieg Deutsch“ – Sprachunterricht anbietet. Bereits 17 Kurse hat die VHS in fünf verschiedenen Heimen durchgeführt, in denen jeweils rund 600 bis 800 Flüchtlinge wohnen. Auch hier war die beschwerliche Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, insbesondere für Mütter mit kleinen Kindern, ein wichtiger Grund für die Wahl der Unterrichtsorte. „Außerdem sind die Kapazitäten in den VHS-eigenen Räumen begrenzt“, erläutert Susanne Schuhmacher, die Projektkoordinatorin der VHS.
Da vielerorts Ehrenamtliche bereits einen Raum für den Unterricht eingerichtet hatten, waren Tische, Stühle und eine Tafel in den Flüchtlingsheimen meist vorhanden. CD-Player oder Laptop wurden von der VHS besorgt. Kreative Lösungen waren in einer Erstaufnahmeeinrichtung gefragt. In der Containersiedlung wurde in Ermangelung einer Tafel eine beschreibbare Folie an die Wand geklebt.

VHS und Unterkunft arbeiten Hand in Hand

„Für das Gelingen der Zusammenarbeit ist der enge Kontakt zwischen VHS, Kursleiter und Unterkunft wichtig“, betont Schuhmacher. Hilfreich seien auch regelmäßige Besuche vor Ort. Da die Teilnehmeransprache über die Unterkünfte erfolgt, führt die Projektkoordinatorin der VHS immer Vorgespräche mit der Einrichtungsleitung und den Sozialberatern, um ihnen die Besonderheiten des Angebots, Stundenumfang und Zielgruppe zu erläutern. Die Sozialarbeiter weisen dann in ihren Beratungen auf das Angebot hin, Interessenten tragen sich in Listen ein und werden bei einem Vorabtreffen mit Dolmetschern über die Maßnahme informiert. „Der Bedarf ist sehr hoch, wir könnten einen Kurs nach dem anderen machen“, so Schuhmacher.

Einstieg Deutsch

„Einstieg Deutsch“ ist ein bundesweites Projekt zur sprachlichen Erstorientierung von Geflüchteten, gefördert vom BMBF: Der Unterricht kann in einer Flüchtlingsunterkunft oder in eigenen Räumen stattfinden. Zielgruppe sind Geflüchtete ohne Platz im Integrationskurs. Das Blended-Learning-Konzept kombiniert klassischen Deutschunterricht mit Lernportal und Sprachlern-App. Volkshochschulen können für die Durchführung Gelder beim DVV beantragen.
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aus: dis.kurs 4/2017 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.