Panorama

Kulturelle Bildung unterstützt die Integration junger Flüchtlinge

Best-Practise-Beispiel für talentCAMPus 18plus aus Balve
© RBN; Märkischer Kreis
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Abschlusskonzert im Balver Musikhaus

31.03.2017: „15:30 Uhr im Musikhaus – Nervosität und freudige Anspannung macht sich unter den Beteiligten breit. Zum letzten Mal werden die Instrumente angespielt und Stühle zurechtgerückt, dann kommen auch schon die ersten Konzertbesucher. Eingeladen haben die geflüchteten jungen Männer aus dem talentCAMPus 18plus-Projekt „ZukunftsMusik – Words and Beats for your Future!“. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden des Jugendzentrums, der VHS Menden-Hemer-Balve, den Aktiven des Musikvereins sowie Jan und Elo Badura von Elo‘s Musikschule haben sie ein Abschlusskonzert unter dem Motto „Musik kennt keine Grenzen“ organisiert und freuen sich über den großen Zuspruch. Mehr als 60 Interessierte, darunter einheimische Bürger, Flüchtlinge aus den örtlichen Einrichtungen, als auch Familienangehörige aus anderen Bundesländern sind gekommen um dem gut eineinhalbstündigen Programm zu lauschen.“

So berichtete der Süderländer Volksfreund über die Abschlussveranstaltung eines erfolgreichen Bildungsprojekts für junge Geflüchtete. Vier Wochen lang waren die jungen Männer im Alter zwischen 18 und 26 Jahren in einem Musikworkshop und Zeitungsprojekt aktiv, um gemeinsam zu musizieren, die deutsche Sprache zu lernen und sich noch intensiver mit ihrer neuen Heimatstadt Balve zu beschäftigen. Die VHS Menden-Hemer-Balve kooperierte dabei unter anderem mit dem örtlichen Bündnis für Flüchtlinge, der Stadtverwaltung Balve und dem Regionalen Bildungsbüro des Märkischen Kreises.

Das Projekt folgte dem DVV-Bildungskonzept talentCAMPus 18plus, das sich speziell an junge erwachsene Geflüchtete richtet, die nicht mehr der Schulpflicht unterliegen. Speziell für diese Zielgruppe hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Sommer 2016 das Förderprogramm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ ausgeweitet, um durch die Teilnahme an kulturellen Bildungsmaßnahmen die Integration zu unterstützen.

Bund hat sein Programm „Kultur macht stark“ erweitert

© privatDer Deutsche Volkshochschul-Verband, der seit 2013 das Ferienprogramm talentCAMPus für bildungsbenachteiligte Kinder und seit 2015 talenCAMPus plus für junge Flüchtlinge im Alter von 10 bis 18 Jahre erfolgreich umsetzt, erhielt im Juli 2016 den Zuschlag für den talentCAMPus 18plus. Das Format baut auf den Konzepten des talentCAMPus und talentCAMPus plus auf. Die Besonderheit von talentCAMPus 18plus ist die Kombination zweier festgelegter Bausteine: Neben der Sprach- und Leseförderung Deutsch und der Förderung von Basis- und Schlüsselkompetenzen umfasst jedes Projekt freie Angebote der kulturellen Bildung sowie Exkursionen in das kulturelle Umfeld. Zusätzlich zu den Kursleitenden können Dolmetscher und sozialpädagogische Fachkräfte im Rahmen der Orientierungsfinanzierung eingesetzt werden. Bis Ende 2016 haben bereits mehr als 10 Volkshochschulen aus acht Bundesländern erfolgreich talentCAMPus 18plus-Projekte umgesetzt.

Das Bündnis für Bildung in Balve zieht ein positives Resümee: „Kultur und Sprache sind wichtige Faktoren, um sich hier bei uns zurechtzufinden und sich wohlzufühlen. So lässt sich die Zusammenarbeit mit der örtlichen VHS und den vielen aktiven Vereinen und Verbänden perfekt miteinander verbinden. Die jungen Flüchtlinge bekommen so einen ganz intensiven und guten Einblick in die Vielfalt unserer Kultur- und Freizeit-Akteure und erlernen in kreativen Formaten die deutsche Sprache.“

Kulturelle Bildung hat sich aus Sicht der Akteure in Balve als geeigneter Zugang zu den jungen Menschen erwiesen: „Die meisten der geflüchteten jungen Erwachsenen haben auf ihrer Flucht unfassbare Dinge erlebt. Mit gestalterischen Mitteln können Sie dem Erlebten Ausdruck verleihen. Die eigene Zeitung unter dem Titel `Der vergessene Mensch´ bot die Möglichkeit eigene Sichtweisen und Themen darzustellen, als Reporter unterwegs zu sein und die Erlebnisse in Fotos festzuhalten. Die Teilnehmer waren mit viel Engagement bei der Sache. 250 Exemplare sind schon verteilt worden.“

Kreative Betätigung schafft Anlässe für Begegnung

© Julius Kolossa; Märkischer Zeitungsverlag/ Süderländer Volksfreund
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Die Teilnehmer präsentieren ihre selbst gestaltete Zeitung „Der vergessene Mensch“.

„Vor dem Projekt hatte ich kaum Kontakt zu anderen Menschen hier. Wir waren sehr unter uns. Wegen der Zeitung sind wir aber viel raus gegangen, haben mit den Menschen hier auf der Straße gesprochen, das war gut. Jetzt traue ich mich eher, die anderen anzusprechen und weiß, ich kann mich verständigen. Zum Jugendzentrum werde ich jetzt auch öfters gehen“, fasst einer der Teilnehmer zusammen. Ein anderer ergänzt: „In der Zeitung konnten wir unsere Geschichten und Gedanken einbringen. Es war eine Zeitung von uns für andere geflüchtete Menschen, aber auch für die Menschen hier. Endlich hatte ich die Möglichkeit, selber von mir zu berichten, das tat richtig gut.“

Positive Wirkung entfaltete auch das gemeinsame Musizieren: „Musik machen hat mir richtig Spaß gemacht. So zum Beispiel Lieder, die wir selber mögen, Lieder aus unserer Heimat, aber auch Lieder hier aus Deutschland. Auch wenn wir fast alle in einer Einrichtung sind, haben wir uns jetzt noch besser kennengelernt. Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft weiter zusammen Musik machen werden“, berichtet ein junger Mann. Ein 22-jähriger Syrer fügt hinzu: „Die Gitarrenmusik holt mich in eine andere Welt ohne alle Probleme und endlich ich bin glücklich.“

Das Projekt trug auch zur Annäherung von Geflüchteten und einheimischen Bürgerinnen und Bürgern bei.
„Natürlich bekommt man mit, dass wir Flüchtlinge in der Stadt haben und dass sich viele für sie engagieren. Über die selbstgestaltete Zeitung und das Abschlusskonzert bin ich erstmalig selbst mit ihnen in Kontakt gekommen und habe einen kleinen Einblick in ihre Erlebnisse bekommen. Jetzt sehe ich sie mit ganz anderen Augen und hoffe, das alle hier gut Fuß fassen werden“, so ein Teilnehmer der Abschlussveranstaltung.

Für Volkshochschulen bietet der talentCAMPus 18plus die Möglichkeit, sich noch besser mit anderen Akteuren vor Ort zu verzahnen, das eigene Angebot zu erweitern und neue Zielgruppen zu erschließen. „Wir haben bisher nur ein Angebot für Flüchtlinge gehabt. Dank des Projekts haben wir aber viele neue Partner aus unserer Stadt kennengelernt, die auch darüber hinaus mit uns zusammenarbeiten möchten. Es ist gut zu wissen, dass sich doch so viele engagieren möchten und wir nun gemeinsam etwas erarbeiten können“, sagt Kathrin Volkmer, Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte im Märkischen Kreis.

Vielleicht konnte dieser talentCAMPus 18plus ja auch dem teilnehmenden Georg aus Syrien eine Teil-Antwort auf seine Frage geben: „Die Deutschen bringen uns Radfahren und Mülltrennung bei – aber wie sollen wir mit der Leere in uns klarkommen?“ Kulturelle Bildung hat in dieser Hinsicht ein nicht zu unterschätzendes Potential.

Für das Jahr 2017 können noch Förderanträge für den talentCAMPus 18plus beim DVV gestellt werden. Es handelt sich um eine hundertprozentige Finanzierung auf Ausgabenbasis. Zusätzlich können fünf Prozent des Ausgabenvolumens zur Deckung des Verwaltungsaufwands beantragt werden.


Nähere Informationen auf www.talentcampus.de

aus: dis.kurs 01/2017 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.