Panorama

Kreativität, Energie, Glück aus der ganzen Welt

Teatro International an der Ulmer Volkshochschule
© Teatro International31.12.2016: Freitagabend, 20:30 Uhr. In der Ulmer Volkshochschule läutet nach zweieinhalb Stunden Probenarbeit leise Musik den Cool-Down ein. Es ist eine in jeder Hinsicht bunte Gruppe, die da aufschnauft: Nationalität, Alter, Sprache, Religion, Geschlecht, Hautfarbe. Aber es gibt einen gemeinsamen Nenner: Den Wunsch, Theater zu spielen. „Teatro International“ heißt die Gruppe, seit vier Jahren gibt es sie und sehr schnell ist sie eine feste Größe im Ulmer Kulturleben geworden mit ihren selbst geschriebenen Stücken, die eine neue Facette in die Theaterlandschaft der Region einbringen.
In der augenblicklichen Zusammensetzung steckt die Gruppe in der Kennenlern-Phase, neue und alte Spieler sollen zusammenwachsen, 28 sind es derzeit. Nach einer harten Woche jeden Freitagabend der Probenarbeit zu opfern, dazu braucht es freilich eine besondere Motivation. Zum Beispiel die Chance, auf der Bühne Gefühle wie Wut, Angst, Freude ausdrücken zu können, Lebenserfahrungen mitzuteilen, Möglichkeiten, die es in der fremden Sprache Deutsch vielleicht lange nicht gab. Durch die intensive Körper- und Bewegungsarbeit und durch den Humor kommen sich die Teilnehmer näher als im Alltag, bauen Berührungsängste schnell ab. Die Tatsache, dass hier alle mit der Sprache kämpfen, vereint und entspannt. „Ich bin heute das erste Mal hier, aber – unglaublich – ich fühle mich wie in einer Familie!“

Mit Improvisationsübungen näherte sich die Gruppe dem neuen Thema „Global Family“ an, entdeckte Klischees, beobachtete sich und sprach darüber.

„Teatro International ist viel Spaß, aber auch harte Arbeit“, meint Laura aus Spanien. Teatro International wurde gegründet als „Sprach- und Kommunikationstreff mit Methoden der Theaterpädagogik“, beheimatet in der Volkshochschule, gefördert durch „Ulm – Internationale Stadt“, wie sich die kleine Großstadt seit 2012 nennt.

Teatro International arbeitet mit Methoden des biographischen Theaters zu Themen aus der persönlichen Erfahrungswelt von Migranten: Verlust der Heimat, sprachliche Schwierigkeiten, Identitätsfragen, Umgang mit Traditionen und Institutionen im neuen Land, urbane Identität im Migrationsprozess, Migrationsgeschichte. Diese Erfahrungen, niedergeschrieben, in Interviews oder Gesprächen artikuliert, setzt die Gruppe in szenische Texte und Bilder um, ergänzt durch Zeitzeugen-Aussagen, journalistische und historische Quellen und literarische Texte von Autoren mit Migrationserfahrung.
Durch die Theaterarbeit, die Reflexion und die Interaktion in der Gruppe wachsen die Sprachkompetenz der Teilnehmer, aber auch ihr soziales Netzwerk und ihr interkulturelles Wissen. Auf der Bühne zu stehen sowie das positive Feedback („Meine Gedanken sind wichtig“) stärken das Selbstbewusstsein der Teilnehmer. Auch dadurch, dass Begabungen wertgeschätzt werden, die im Alltag nicht zum Vorschein kommen – musikalische, tänzerische, künstlerische, gestalterische oder organisatorische.
Das erste Stück „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ nach einem Motto von Karl Valentin handelte davon, wie es ist, in einem fremden Land anzukommen, welche Schwierigkeiten man hat, akzeptiert zu werden, sich zurecht zu finden. Gleichzeitig konfrontiert es die Zuschauer mit deren Klischees des „Fremden“. Mit diesem Stück wurde die Gruppe 2015 auch zu den „Internationalen Theatertagen am See“ in Friedrichshafen eingeladen und konnte sich so einem Publikum außerhalb Ulms präsentieren.
Elementare dramaturgische Prinzipien sind Flexibilität, Dynamik und Bewegung, auch im Publikum, das immer wieder gezwungen wird, die Perspektiven zu wechseln, vermeintlich sichere Standpunkte aufzugeben. Die Grenzen zwischen Spielern/„Migranten“ und Zuschauern/„Einheimischen“ werden aufgehoben, Spielfläche und Zuschauerraum vermischen sich, zeigen die gesellschaftliche Normalität, neue kreative Räume und Konstellationen entstehen.

Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich in der Grundform der Stücke wieder: szenischen Collagen aus Texten, Bildern, Choreographien und Musik mit einem Wechsel aus monologischen, dialogischen und chorischen Elementen. Das Thema selbst lässt sich auf diese Weise vielschichtig erarbeiten.

So nahm Teatro International die Fußball-EM 2017 zum Anlass, in Kooperation mit dem Theater Ulm den Fußball als interkulturelles Phänomen zu untersuchen und zu einem „kunterbunten und reflexionsgeladenen 90-Minuten-Kaleidoskop“ (Neu-Ulmer Zeitung) zu verarbeiten.

© Patrick SchmidtIm Sommer 2015 wurde die gesamte Innenstadt Aufführungsort. Im Theaterspaziergang „Ich und Du“ nahm die Gruppe das Publikum auf eine Reise an verschiedene Orte in der Stadt mit und zeigte urbane Identität aus der Perspektive internationaler Zuwanderer. Spielen im öffentlichen Raum mit all seinen Unwägbarkeiten – eine doppelte Herausforderung für das Selbstbewusstsein der Spieler.

In „Andernorts“ machte sich Teatro International dann auf die Suche nach der Migrationsgeschichte Ulms nach 1945. Als Kooperationspartner, Inspiration und Aufführungsort fungierte dafür das Haus der Stadtgeschichte. Die Geschichten, szenischen Bilder über Flüchtlinge, Vertriebene, „Gastarbeiter“, Spätaussiedler war für viele im Publikum auch ein Blick in die eigene Familiengeschichte und in einen, bisher wenig beleuchteten Teil der Stadtgeschichte.

Jeder ist willkommen und findet seinen Platz in der Gruppe.

Teatro International ist ein kostenloses Angebot für alle internationalen Bürger Ulms und der Region. Werbung, Bühnentechnik, Personal, Requisiten und Kostüme werden über die Eintrittsgelder gedeckt. Der Beitrag der Spieler steckt in der vielen Zeit, die sie für Proben investieren. Die kontinuierliche Finanzierung durch die Stadt Ulm verschafft Planungssicherheit und eine nachhaltige künstlerische und soziale Entwicklung – garantiert durch einen Kern von „Stammspielern“ neben Mitgliedern, die aus beruflichen oder privaten Gründen nur an einem Projekt teilnehmen können. Für die Projekte gibt es kein „Casting“. „Vielfalt wird als Bereicherung“ gesehen. Es gibt keine Unterscheidung in Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge. Jeder ist willkommen und findet seinen Platz in der Gruppe.
Teatro International ist Modell einer sozialen Utopie des Zusammenlebens und -arbeitens in einer internationalen Gesellschaft, die jeden neuen Zuwanderer offen und neugierig aufnimmt, in der sich alle respektieren und in ihrer Andersartigkeit tolerieren – solange die Spielregeln eingehalten werden.

Teatro International …

heißt: Freundschaften schließen, Emotionen spüren, man selber sein.
Hier: lernt man Mut zu haben, werde ich sichtbar, darf man Fehler machen, ist jede verrückte Idee willkommen, kann man seine eigenen Ressourcen entfalten, teilen wir die Magie des Spielens und die Glücksmomente, Ist – wo ich das Leben spielerisch, aber ganz tief beobachten kann, ein Anfang und ein Ziel, immer in Bewegung, wo ich träumen und meine Träume teilen kann.

aus: dis.kurs 4/2016 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.