Panorama

„Jeder nach seinen Möglichkeiten“

Das Lernportal „Ich will Deutsch lernen“ im Einsatz in der Justizvollzugsanstalt Ottweiler
Blick aus einer Gefängniszelle der JVA Ottweiler
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Blick aus einer Gefängniszelle der JVA Ottweiler

27.07.2016: Seit Oktober 2016 ist bei der Justizvollzugsanstalt (JVA) im saarländischen Ottweiler das Lernportal „Ich will Deutsch lernen“ (IWDL) im Einsatz – und bereits jetzt das meistgenutzte Lernprogramm. In der JVA Ottweiler sind viele Jugendliche mit Migrationshintergrund inhaftiert – darunter auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Mangelnde Sprachkenntnisse sind eine große Hürde im täglichen Miteinander des Gefängnisbetriebs und deren Verbesserung somit ein Bildungsauftrag. Um hier noch gezielter zu unterstützen und mehr Flexibilität im Sprachunterricht zu ermöglichen, hat der Deutsche Volkshochschul-Verband (DVV) der JVA Ottweiler nun kostenfrei eine Offline-Lizenz zur Verfügung gestellt.

Wenn man an einem Frühsommertag über den Gustav-Stresemann-Weg in der saarländischen Kleinstadt Ottweiler den Ziegelberg zur JVA hinauffährt, wächst vor allem ein Gefühl: Ruhe. Grüne Wiesen, sanfte Hügel, alte Bäume, umgeben von – nichts. Es ist mehr ein Urlaubs- als ein Krimi-Szenario. Auf „Gefängnis“ muss man innerlich zuerst umschalten. Ob es den rund 140 dort Inhaftierten auch so ergangen ist, als sie hier ihre Haft antraten? In der JVA Ottweiler sitzen zurzeit ausschließlich männliche Straftäter ein. Über die Hälfte von ihnen sind im Jugendstrafvollzug und damit zwischen 14 und 24 Jahre alt.

Strafvollzug als Chance?

Ausblick vom Gelände der JVA Ottweiler
Bildnachweis: Ausblick vom Gelände der JVA Ottenweiler
Ausblick vom Gelände der JVA Ottweiler

„Über 70 Prozent unserer aktuell Inhaftierten haben einen Migrationshintergrund“, erklärt Bildungsleiter Peter Stahl die Situation. Seit mehr als zwanzig Jahren ist er im Bildungsbereich der JVA Ottweiler tätig. Als Germanist und gelernter Gymnasiallehrer ist ihm Sprachkompetenz von jeher ein besonderes Anliegen. Und: Solide Deutschkenntnisse sind die Voraussetzung für die Teilnahme an einer der vielen schulischen und beruflichen Bildungsmaßnahmen, die die JVA Ottweiler ihren Häftlingen anbietet. So können inhaftierte Jugendliche hier ihren Hauptschulabschluss erwerben, das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) oder eine von insgesamt elf verschiedenen Berufsausbildungen in den Sparten Metallbau, Kfz-Technik und Lackierung, Malerei, Tischlerei, Elektronik sowie Sanitär, Heizungs- und Klimatechnik absolvieren. Gefangenen mit kürzeren Haftzeiten bietet sich alternativ auch die Möglichkeit beruflicher Teilqualifizierungen – und das alles mit guten Chancen, nach der Haftentlassung beruflich Fuß zu fassen und sogar in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen.

„Viele der Inhaftierten erfüllen aber – unabhängig von ihrer Herkunft – nicht die Voraussetzungen, um an einem der klassischen Bildungsgänge zu partizipieren“, berichtet Stahl. „Nicht wenige der Jugendlichen sind durch die Folgen einer intensiven Drogenkarriere beeinträchtigt“. Weiterhin seien zunehmend psychische Auffälligkeiten und Vorerkrankungen festzustellen, die einer Teilnahme an den regulären Bildungsangeboten entgegenstehen. Eine weitere große Barriere bestehe in der mangelnden Sprachkompetenz. „Für diese Gruppe, die in den vergangenen Jahren stetig steigende Zuwachsraten verzeichnet, haben wir sogenannte Basiskurse eingerichtet, die von justizeigenen Lehrkräften geleitet werden“, erklärt Stahl. Dieses Elementarbildungsangebot, mit dem schwerpunktmäßig Grundkenntnisse der deutschen Sprache vermittelt werden, dient somit primär dem Erwerb der deutschen Sprache und richtet sich vor allem an Gefangene mit Deutsch als Zweitsprache, steht aber prinzipiell allen Jugendlichen mit gravierenden sprachlichen Mängeln offen und bietet die Möglichkeit, das Sprachzertifikat „Deutsch B1“ zu erwerben.

IWDL.de ist meistgenutzte Software

Natalia Winter betreut die Inhaftierten bei der Arbeit mit IWDL
Bildnachweis: Natalia Winter betreut die Inhaftierten bei der Arbeit mit IWDL
Natalia Winter betreut die Inhaftierten bei der Arbeit mit IWDL

Hier kommt das Lernportal „Ich will Deutsch lernen“ (IWDL.de) ins Spiel. Es wird auf der Plattform elis eingesetzt. elis steht für „E-Learning im Strafvollzug“. Die Plattform läuft über einen beschränkten Internetzugang, bietet 430 Lernprogramme und wurde speziell für das digital unterstützte Lernen im Strafvollzug konzipiert. Derzeit wird sie deutschlandweit in zwölf Bundesländern eingesetzt. Somit steht IWDL den über 100 an elis angeschlossenen JVAen in folgenden Bundesländern zur Verfügung: Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen. Auch die Angebote aus dem VHS-Lernportal „Ich will lernen“ (IWL.de) sind dort integriert. Allerdings ist IWDL in der JVA Ottweiler innerhalb kürzester Zeit das Zugpferd im Bereich Blended Learning geworden. „Von allen Software-Angeboten nutzen wir IWDL im Moment am häufigsten“, sagt Natalia Winter, die seit 2008 hauptamtlich als Deutschlehrerin in der JVA Ottweiler tätig ist. Mit IWDL arbeite sie derzeit an jedem ihrer Unterrichtstage. Laut Auskunft des Berliner Instituts für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI) entfallen bei der JVA Ottweiler im ersten Quartal 2017 mehr als 21 Prozent aller Aufrufe in elis auf IWDL. Der Anteil von IWL, der vor der Einführung von IWDL beträchtlich höher war, beträgt immerhin noch gut acht Prozent, was vor allem auf die Nutzung durch die anstaltsinterne Berufsschule zurückzuführen ist.

Der Sprachunterricht mit IWDL gestaltet sich pragmatisch. Schüler unterschiedlichen Alters und verschiedener Nationalitäten sitzen nebeneinander an PCs, jeder arbeitet zunächst für sich mit einem individuellen Account. Natalia Winter geht von Schüler zu Schüler und hilft bei den Übungen. Der Umgangston ist dabei nicht zimperlich, aber vertrauensvoll: „Da kommt ein Punkt hin, das weißt Du doch. Du musst Dich mehr anstrengen!“ Die 51-Jährige ist Spätaussiedlerin, stammt ursprünglich aus Russland und hat dort als Deutschlehrerin gearbeitet in den ersten fünf Jahren noch als Mitarbeiterin des Diakonischen Werkes. Seit 2003 lebt sie in Deutschland und seither gibt sie Deutschkurse in der JVA Ottweiler – in den ersten fünf Jahren noch als Mitarbeiterin des Diakonischen Werkes. Man merkt schnell, dass sie von den Inhaftierten respektiert und geschätzt wird. Fragen gibt es viele während des Unterrichts – vor allem zur Aussprache der deutschen Vokabeln. „Mir ist wichtig, dass meine Schüler hier gutes Deutsch lernen“, so Winter.
Die IWDL-Websoap hilft beim Deutschlernen
Bildnachweis: Die IWDL-Websoap hilft beim Deutschlernen
Die IWDL-Websoap hilft beim Deutschlernen

„Frau Winter ist die netteste Frau hier“, sagt der 16-jährige Addar (Name von der Redaktion geändert), der 2016 als syrischer Flüchtling nach Deutschland kam. Zwei Jahre hat er in der JVA abzusitzen, die Hälfte hat er jetzt hinter sich. „In Deutsch bin ich der Beste und Schnellste“, sagt er stolz. Mit IWDL lerne er gerne. Die integrierte Websoap sei „ganz gut“, die Übungen „sehr hart, aber sie helfen mir“. Addar mag außerdem, dass die Übungen „unterschiedlich und abwechslungsreich“ sind und er sich „was darunter vorstellen kann“. „Mir als Lehrkraft gefällt an dem Lernprogramm besonders, dass es so flexibel ist“, betont Natalia Winter. „Jeder kann nach seinen Möglichkeiten und seinem Kenntnisstand gefördert werden. Diejenigen, die schon besser sind in Deutsch, helfen den Schwächeren. Das hilft nicht nur beim Sprachlernen, sondern fördert auch die Gemeinschaft. Teamwork verbessert die sozialen Fähigkeiten.“

„Hier funktioniert kein Schema F“

Mit IWDL kann jeder individuell gefördert werden
Bildnachweis: Mit IWDL kann jeder individuell gefördert werden
Mit IWDL kann jeder individuell gefördert werden

„Ziel des Strafvollzugs und damit unser Auftrag ist es eigentlich, die straffällig gewordenen Jugendlichen zu resozialisieren, also in die Gesellschaft wiedereinzugliedern“, berichtet Peter Stahl. „Das bedeutet aber, dass bei den jungen Leuten schon einmal eine unseren Maßstäben entsprechende soziale Teilhabe vorhanden gewesen sein müsste, die es dann zu reaktivieren gelte – und das ist leider oft nicht der Fall“, gibt er zu bedenken. „Bei vielen Inhaftierten muss erst einmal eine Basis für das anzustrebende soziale Miteinander geschaffen werden. Hier funktioniert kein Schema F. Vielmehr wird eine bedarfsorientierte, individuell abgestimmte und möglichst nachhaltige Förderung benötigt“, sagt der Bildungsleiter mit Nachdruck.
„Der DVV hat uns in diesem Zusammenhang mit der Schenkung einer Offline-Lizenz von IWDL.de einen großen Gefallen getan“, betont der Bildungsleiter. „Das eröffnet uns im Fremdsprachenbereich viele Möglichkeiten, die wir vorher nicht hatten. Beispielsweise kann es immer wieder vorkommen, dass aus Sicherheitsgründen Häftlinge nicht an den Präsenzkursen teilnehmen dürfen und damit eigentlich von Bildungsmaßnahmen ausgeschlossen wären. Unter anderem für diese Häftlinge haben wir die Intranet-Version auf einem Laptop installiert, sodass entsprechend den jeweiligen aktuellen Erfordernissen auch außerhalb des regulären Unterrichtsangebots in Kleinstgruppen oder Einzelbetreuung mit IWDL gearbeitet werden kann. Wir fördern und fordern den Erwerb der Zweitsprache Deutsch ja auch, um überhaupt eine Chance zu haben, zu den Gefangenen vorzudringen und mit ihnen zu kommunizieren.“

Bildung ist nur ein Baustein

„Wir tun hier sehr viel dafür, die Inhaftierten auf ein Leben in sozialer Verantwortung vorzubereiten. Die deutsche Sprache zu beherrschen, ist dafür die Grundvoraussetzung und Bildung ein unverzichtbarer Aspekt. Aber Bildung im klassischen schulischen Sinn ist nur ein Baustein von vielen. Um die mit der Resozialisierung angestrebten Bewusstseins- und Verhaltensveränderungen einzuleiten, bedarf es eines umfassenden Bildungsbegriffs, der möglichst alle Lebensbereiche einbezieht“, weiß Peter Stahl.
Addar ist dankbar, dass er in der JVA „zu essen, sauberes Wasser und ein Bett“ hat, „endlich richtig Deutsch lernen“ und dann seinen Hauptschulabschluss machen kann. Die Ruhe und die Landschaft gefallen ihm, sagt er. Addar hofft auf einen echten Neuanfang. In Ottweiler fühlt er sich gut vorbereitet auf die Zeit „draußen, nach dem Knast“.