Panorama

„Wenn Menschen von einem Land zum anderen wandern, dann geben sie fast alles Identitätsstiftende auf“

Interview mit Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani
25.10.2017: Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani forscht und lehrt im Gebiet Politikwissenschaft, Politische Soziologie und Politische Bildung. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Bildungspolitik, Migration und Integration. Das Interview wurde im Kontext der politischen Forderung einer schnellen Integration der neu zugewanderten Menschen und dem damit einhergehenden Wunsch nach Wertevermittlung geführt.

Herr Prof. El-Mafaalani, Sie schreiben an einem Buch mit dem Titel „Migrationssensibilität“. Worum geht es?

El-Mafaalani: Das Buch geht von der These aus, dass man im Kontext Migration/Integration unabhängig vom Kulturbegriff arbeiten kann, wenn man weiß, was migrationsspezifische Aspekte sind. Migrationsspezifisch heißt, Menschen wandern von Land A nach Land B, und diese Wanderung macht was mit Menschen, unabhängig, von welchen Ländern wir sprechen. Wenn wir migrationsspezifische Aspekte berücksichtigen, können wir meines Erachtens die Kultur außer Acht lassen und hätten erst mal Dreiviertel verstanden. Wohingegen der Kulturbegriff den Blick für Dreiviertel versperrt.

Was sind diese migrationsspezifischen Aspekte?

Wenn Menschen von einem Land zum anderen wandern, dann geben sie fast alles Identitätsstiftende auf. Der Raum in dem die eigene Sprache gesprochen wird, meistens das gesamte soziale Netzwerk und den eigenen sozialen Status. Ich war jemand im Herkunftsland und im neuen Land bin ich niemand und muss bei null anfangen. Viele Menschen reagieren daher mindestens zeitweise mit einem Konservatismus oder Traditionalismus. In der klassischen Forschung wurde das schon als Diaspora-Konservatismus bezeichnet. Das ist kulturübergreifend. Das machen auch Deutsche, die auswandern.

Was bedeutet das für die Integration der Menschen?

Das Problem ist, wir wollen, dass die Integration ganz schnell vonstatten geht und die gerade zugewanderten Menschen unsere Werte übernehmen. Dabei übersehen wir, dass Migranten typischerweise erst mal konservieren, und zwar vernünftiger Weise. Wenn man von Anfang an realistische Ziele hätte, dann wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich das in 5 oder 10 Jahren ändert.

Wie steht es dann um die nachfolgende Generation der nach Deutschland migrierten Menschen?

Was man überall auf der Welt feststellt ist, dass die erste Generation in der Regel froh ist, da zu sein. Ab der zweiten Generation sieht das anders aus. Menschen, die hier geboren sind, die wissen nicht, wie es vorher war, die kennen nur noch das hier. Die müssten eigentlich die Grundorientierung haben „Das ist meine Heimat, ich bin hier zuhause.“

Und jetzt gibt es zwei Probleme. Die Eltern sagen: „Bleib wie wir sind, aber werde hier erfolgreich!“ Das macht die Elterngeneration übrigens ganz häufig, nicht nur diejenigen, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind. Auf der anderen Seite gibt es Konflikte zwischen der Gesellschaft und den Kindern. Die Kinder werden als Fremde identifiziert und gleichzeitig wird gesagt: “Pass dich an!” Das heißt von beiden Seiten wird geschubst und gezogen. Das führt gerade in der zweiten Generation dazu, dass diese Personen vergleichsweise sensibel sind. Das kann schnell zu irritierenden Verhaltensweisen führen, zum Beispiel, dass eine bestimmte Zugehörigkeit irgendwann aktiv gesucht und konstruiert wird, weil keine andere automatisch stattfinden kann. Jugendliche finden immer eine Lösung. Nur wenn sie das ganz alleine machen, gefällt das den Erwachsenen nicht unbedingt.

Wie interpretieren Sie es dann, wenn über Wertevermittlung gesprochen wird?

Zum einen lässt sich darüber reden, ob das, was an Werten vermittelt werden soll, realistisch ist oder ob es eine Idealvorstellung von bestimmten Leuten ist. Ich würde sowieso Grundrechte sagen und nicht Werte. Die andere Frage ist, wie die Vermittlung stattfindet. Das ist eine schwierige Debatte. Ich glaube man muss sich mehr Gedanken dazu machen, wie man die Komplexität der realen Situation in Deutschland darstellt und nicht eine glatt gebürstete idealtypische Variante.

Was erscheint Ihnen realistisch?

Meine These ist, dass es Konflikte gibt, wenn die Teilhabechancen von vielen Menschen gut sind. Nicht obwohl die Chancen gut sind, sondern weil sie gut sind. Denn je mehr Menschen sich beteiligen an der Gesellschaft desto mehr verschiedene Bedürfnisse und Lebensweisen sitzen am Verhandlungstisch und wollen mitbestimmen. Wenn man davon ausgeht, dass wir Konflikte haben, wenn es gut läuft, dann ist die Art und Weise, wie wir mit Konflikten umgehen wichtig. Das ist der Kernpunkt von dem was unsere Gesellschaft zusammenhalten kann. Eine Verständigung darüber, wie mit Konflikten umgegangen wird und wie der Verständigungsprozess aussehen könnte.

Haben Sie ein Beispiel für einen solchen Konflikt?

Der Kopftuchstreit findet deshalb statt, weil eine Frau mit Kopftuch studiert hat. Als die Frauen mit Kopftuch Putzfrauen waren, hat sich keiner aufgeregt. Als eine Frau mit Kopftuch Lehrerin wurde, entstand ein gesamtgesellschaftlicher Streit. Alle Zeitungen und Zeitschriften hatten Titelbilder dazu, alle Parteien haben dazu Programmpunkte und in vielen deutschen Bundesländern gibt es dazu Gerichtsurteile. Über alle Instanzen bis hin zum Verfassungsgericht gibt es dazu Urteile. Das kann man Konflikt nennen. Der Konflikt ist Ergebnis eines Integrationsprozesses, nämlich erhöhter Teilhabechancen von Kopftuch tragenden Frauen.

Was heißt das im Kontext Migration/Integration in Deutschland?

Wenn man ehrlich ist, kann man davon ausgehen, dass die Hälfte der neu zugewanderten Menschen bleiben wird. Das ist bisher fast immer so gewesen. Wenn das so ist, ist es verheerend nicht jetzt schon zu organisieren, dass die Menschen sich hier zugehörig fühlen. Das ist aber nicht so einfach. Es gibt viele Publikationen die die Frage stellen: “Was ist eigentlich deutsch?”. Das ist nicht mehr leicht zu beantworten. Mit einer Wertedebatte zu reagieren ist an dieser Stelle allerdings unrealistisch. Die Gesellschaft muss bereit sein, diesen Diskurs zu führen. Und dann muss dieser von allen geführt werden.
aus: dis.kurs 3/2017 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.

Buchhinweis

El-Mafaalani, Aladin (2017): Migrationssensibilität. Zum Umgang mit Globalität vor Ort. Weinheim: Beltz Juventa. [erscheint im Herbst 2017]