Panorama

Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt: Daueraufgabe auch für Volkshochschulen?

Kombination von Sprache und Beruf gewinnt an Bedeutung

31.03.2017: Ahmed R. hat Glück gehabt. Der 34jährige Syrer arbeitet als Assistenzarzt in einer süddeutschen Uni-Klinik. Er ist 2014 über Land- und Seeweg aus Syrien geflohen, hat sich selbst mit Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern Deutsch beigebracht und den Deutsch B2 Test bestanden. Ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in Deutschland arbeitet er in Teilzeit mit einer vorläufigen Arbeitserlaubnis und wartet auf die Anerkennung seiner Approbation.

So direkt verläuft die Integration Geflüchteter in Gesellschaft und Arbeit selten. Nur wenigen gelingt der schnelle Zugang zum Arbeitsmarkt. Seit November 2015 haben lediglich rund 36.000 Personen aus acht nichteuropäischen Herkunftsländern eine Beschäftigung aufgenommen. Hautsächlich kommen die arbeitslosen Geflüchteten in Jobs auf Helferniveau in der Reinigung, Lagerei, Gastronomie oder im Verkauf unter. Dabei ist die Zahl der arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldeten Schutzsuchenden riesig: 441.000 waren im Januar bei der Agentur für Arbeit oder den Jobcentern gemeldet.

© Christian Delbert / ShutterstockTrotz aller Gesetze, Verordnungen und Förderprogramme, die die Bundesregierung 2016 im Eiltempo zur Erleichterung des Zugangs zum Arbeitsmarkt auf den Weg gebracht hat; die öffentliche Erkenntnis des vergangenen Jahres lautete: Die Integration Geflüchteter in Arbeit ist ein Marathon und kein Kurzstreckenlauf. Aufgrund rechtlicher und institutioneller Hürden, vor allem aber wegen fehlender Sprachkenntnisse oder kaum vergleichbarer Ausbildungswege werden spürbare Integrationserfolge mittlerweile auf fünf bis zehn Jahre prognostiziert.

Starten statt warten – oder: alles auf einmal!

Mehrere Dutzend Programme wurden im vergangenen Jahr von Ressorts auf Bundes- und Landesebene zur zügigen Integration Geflüchteter geschaffen. Kernstück der Integrationspolitik ist weiterhin der Integrationskurs und das neu entstehende, sogenannte „Gesamtprogramm Sprache“. Daneben kommen die etablierten arbeitsmarktpolitischen Förderinstrumente der Sozialgesetzbücher II und III zum Einsatz. Programmatisch liegen allen Maßnahmen und Kursen die neuen, integrationspolitischen Maximen zugrunde: Spracherwerb so früh wie möglich, Verknüpfung von Berufs- und Sprachqualifizierung und „work first“, also schnell den Bezug zum Arbeitsmarkt schaffen.

Daher befinden sich aktuell die allermeisten Neuzugewanderten auf der Schulbank oder an der Werkbank. Rund 306.000 Abgänge aus Arbeitslosigkeit in Fördermaßnahmen konstatiert die Bundesagentur für Arbeit (BA) für das vergangene Jahr. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verzeichnete sogar 320.000 Integrationskurseintritte in 2016. Weitere Kurse im Rahmen der nationalen berufsbezogenen Deutschsprachförderung (DeuFöV) wie auch die BA-Maßnahmen zur Kombination von Kompetenzfeststellung, frühzeitiger Aktivierung und Spracherwerb (KompAS) sind angelaufen.

Gesamtprogramm Sprache wird sich weiter entwickeln

Die Bereitstellung eines ausreichenden Angebots an passgenauen (berufs-)sprachlichen Angeboten und Anpassungsqualifizierungen ist gegenwärtig nur eine der Herausforderungen, um mittel- bis langfristig Bildungswege für Geflüchtete erfolgreich zu gestalten. 2017 geht es weiterhin um die Verkürzung der Zugangszeiten zu Sprachkursangeboten, die Nachjustierung bestehender Programme, die Harmonisierung der Übergänge zwischen den Förderinstrumenten und –institutionen und nicht zuletzt um die bessere kommunale Koordinierung der Akteure.

Konkret plant das BAMF den inhaltlichen und quantitativen Ausbau der Kombimaßnahmen von Sprache und Beruf. Die Fachstelle für Berufsbezogenes Deutsch im Netzwerk Integration durch Qualifizierung (IQ) erarbeitet aktuell verschiedene Konzepte für die Spezialmodule im Rahmen der nationalen, berufsbezogenen Deutschförderung, unter anderem Module im Kontext der Berufsanerkennung, Mediziner-Module, aber auch Module für gewerblich-technische Berufe. Die Rahmenbedingungen werden so gestaltet sein, dass ein interdisziplinäres Vorgehen zwischen Sprach- und Fachdozenten möglich ist – der Erkenntnis folgend, dass berufliche Handlungskompetenz immer auch sprachliche Kompetenz ist.

Sprache und Beruf sind zwei Seiten einer Medaille, wenn es um Integration geht. Die Frage, ob die beiden Seiten förderpolitisch weiterhin nebeneinander laufen werden, wird auch davon abhängen, wie gut die fördermittelgeber-übergreifenden Kooperationsmodelle wie KompAS oder Kommit (Kooperationsmodell mit berufsanschlussfähiger Weiterbildung) in der Praxis im Zusammenspiel der Bildungsträger funktionieren werden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) spricht in Bezug auf die neue Verordnung (DeuFöV) von einem »Lernenden Instrument«.

Volkshochschulen als lernende Organisationen

„Der Erfolg von Integration in die Kommunen ist deshalb von sprachlichen und berufsorientierten Bildungsprogrammen gleichermaßen abhängig. Volkshochschulen haben mit ihrem ganzheitlichen Programmportfolio beste Voraussetzungen, um sprachliche und berufliche Bildungsangebote zu entwickeln.“

(DVV Positionspapier Dezember 2016)
Wie flexibel und effektiv Volkshochschulen agieren bei aktuellen und akuten gesellschaftlichen Herausforderungen, haben sie im Krisenjahr 2016 unter zeitlichem Hochdruck gezeigt: angefangen bei der kurzfristigen Bereitstellung erweiterter Kurskapazitäten, über Projekt- und Personalaufbau bis hin zur Steuerung ehrenamtlichen Engagements. Mit Erhöhung von Teilnehmerpauschalen und Kursleiterhonoraren hat die Politik auf die veränderten Marktbedingungen reagiert. Damit Volkshochschulen ihrem Auftrag dauerhaft gerecht werden können, braucht es auch für die Daueraufgabe Integration eine solide Finanzierung der Institution Volkshochschule. Dafür setzt sich der DVV zusammen mit den Landesverbänden ein.
Sprachförderung des Bundes: Gesamtprogramm Sprache: In den Basismodulen können grundständig Sprachkompetenzen erweitert und höhere Niveaustufen erreicht werden. Mit den Spezialmodulen lassen sich berufsfeldbezogene Sprachkompetenzen ausbauen.
Bildnachweis: Sprachförderung des Bundes: Gesamtprogramm Sprache: In den Basismodulen können grundständig Sprachkompetenzen erweitert und höhere Niveaustufen erreicht werden. Mit den Spezialmodulen lassen sich berufsfeldbezogene Sprachkompetenzen ausbauen.
Sprachförderung des Bundes: Gesamtprogramm Sprache:
In den Basismodulen können grundständig Sprachkompetenzen erweitert und höhere Niveaustufen erreicht werden.
Mit den Spezialmodulen lassen sich berufsfeldbezogene Sprachkompetenzen ausbauen.


Gleichzeitig stehen viele Volkshochschulen vor der Frage, wieweit sie ihr Engagement im Handlungsfeld Integration noch ausbauen können und wollen. Dafür gibt es keine pauschalen, sondern nur kommunal unterschiedliche Antworten. Darauf hat der DVV mit seinem Positionspapier „Integrationskurse an der Schnittstelle Sprache/Beruf“ hingewiesen und eine Reihe an Empfehlungen zu Strategie und Politik gegeben.
Unabhängig von der Frage, ob oder wieviele Integrationskurse zukünftig über Vergabeverfahren vergeben werden, stehen Volkshochschulen vor der Entscheidung, künftig verstärkt auf dem Feld arbeitsmarktpolitischer Bildungsmaßnahmen tätig zu werden. In den kommenden Jahren ist in Folge der Zunahme arbeitsloser Geflüchteter mit einer neuen Facette struktureller Arbeitslosigkeit zu rechnen, vor allem auch, wenn man die Zuwanderung durch Familiennachzug berücksichtigt.

Weitere Entwicklungen und Themen setzen zusätzliche Impulse, über die berufliche Profilierung der vhs-Arbeit neu nachzudenken, darunter Grundbildung als Fördergegenstand von Arbeitsagenturen, die zunehmende kommunale Koordinierung von Bildung, der Ausbau von Qualitätsmanagement an Volkshochschulen oder auch beihilferechtliche Diskussionen.
Verschiedene Befragungen zeigen die hohe Bildungsambition von Geflüchteten. 46 Prozent der erwachsenen Geflüchteten streben einen allgemeinbildenden Schulabschluss in Deutschland an, 66 Prozent sogar einen beruflichen Abschluss. Gleichzeitig zeichnen sich die Befragten durch eine hohe Arbeitsmotivation aus. Die Integration in das Bildungssystem und in den Arbeitsmarkt steht erst am Anfang. Ausreichende Grundbildung und ein Schulabschluss sind unabdingbare Voraussetzungen. Berufliche Bildung und Arbeit ist das Mittel par excellence zur Vermeidung von Parallelgesellschaften und zu nachhaltiger Integration – allesamt genuine Aufgaben von Volkshochschule.

aus: dis.kurs 1/2017 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.

Das kostenlose Lernportal „Ich will Deutsch lernen“ (IWDL.de) beinhaltet u.a. den Lernbereich „Deutsch für den Beruf“.
In diesem Lernbereich finden Sie 1.500 Aufgaben auf den Niveaustufen A2 bis B2. Trainiert werden Kommunikation im Beruf und alltägliche Arbeitsprozesse.
Mehr lesen …