Panorama

Geflüchtete helfen beim Deutschunterricht

19.09.2018: Im Projekt „Einstieg Deutsch“ unterstützen ehrenamtliche Lernbegleiter die Lehrkräfte bei der Vermittlung der Sprache. Eine von ihnen ist Lina Sayed-Ahmad. Sie ist vor mehr als zwanzig Jahren als junges Mädchen aus dem Libanon nach Deutschland geflohen. Nun hilft sie anderen Geflüchteten an der Volkshochschule Lahr beim Deutschlernen. Ihrem Kindheitstraum, Lehrerin zu werden, ist sie so klein wenig näher gekommen.

Frau Sayed-Ahmad, was genau machen Sie bei der vhs Lahr?

Ich bin seit Herbst 2016 Lernbegleiterin im Kurs „Einstieg Deutsch“. Das heißt, ich unterrichte nicht, das macht die Lehrerin. Aber ich und meine Kollegin – wir sind zwei Lernbegleiterinnen – wir erklären, wenn etwas nicht verstanden wurde, wir helfen bei den Hausaufgaben, wir machen mit den Teilnehmern weitere Arbeitsblätter und manchmal gehe ich mit einer Gruppe in einen Nebenraum und mache Leseübungen. Im aktuellen Kurs sind zwei Teilnehmer nicht alphabetisiert. Mit ihnen machen wir dann noch besondere Übungen. Von der Lehrerin bekommen wir Hinweise, wer welche Förderung benötigt und sie sucht auch oft schon zusätzliches Material.

Sind Sie mit im Unterricht dabei?

Nein. Wir kommen immer mittwochs Vormittag für zweieinhalb Stunden. Dann sind nur wir Lernbegleiterinnen da. Und freitags ist Computertag. Dann sind wir zu dritt mit der Lehrerin. Wir helfen den Teilnehmern, sich im Lernportal anzumelden, zeigen die Aufgaben. Oft kommen Fragen, weil es ein technisches Problem gibt oder weil eine Übung nicht verstanden wird. Viele haben noch nie in ihrem Leben an einem Computer gesessen. In der ersten Stunde zeigen wir ihnen, wie sie die Computer anschalten, wo sie was eingeben müssen. Das klappt ziemlich schnell, nach einer Stunde arbeiten die meisten mehr oder weniger selbständig. Und sie helfen sich auch viel gegenseitig.

Wie sind Sie selbst denn zu dieser Aufgabe gekommen?

Ich arbeite seit einigen Jahren für den Dolmetscher-Pool der Stadt. Vor zwei Jahren kam eine E-Mail über den Verteiler, dass die vhs Lernbegleiter sucht. Ich bin dann zu einem ersten Info-Treffen gegangen. Da war auch meine jetzige Kollegin. Ich kannte sie zufälligerweise schon vom Dolmetscher-Pool. Wir haben uns gut verstanden und arbeiten sehr gerne zusammen. Dann habe ich noch eine Schulung bekommen zum Lernportal ich-will-deutsch-lernen.de und war begeistert. Als jetzt einige Monate lang kein Kurs stattgefunden hat, war ich richtig traurig. Ich mache die Arbeit sehr, sehr gerne.

Was macht ihnen an ihrer Aufgabe besonders Spaß?

Ich mag es, anderen zu helfen. Es ist schön zu sehen, wie interessiert die Teilnehmer sind und es freut mich immer sehr zu sehen, wie sie Fortschritte machen –mit der Sprache und auch am Computer. Das ist ein schönes Gefühl, wenn ich sehe, dass sie alleine klar kommen. Das motiviert mich, weiter zu machen. Ich bin immer sehr gerne in die Schule gegangen und wollte gerne Lehrerin werden. Aber ich bin nur bis zur 10. Klasse in die Schule gegangen, dann sind wir geflüchtet. Ich war 18 Jahre alt, als ich nach Deutschland gekommen bin. Dann habe ich Kinder bekommen. Jetzt sind meine vier Kinder groß und ich kann mich engagieren, bei den Deutschkursen und im Dolmetscherpool. Ich habe in den letzten zwei Jahren schon viel Erfahrung gesammelt, viel Neues gelernt. Es ist einfacher geworden, weil ich weiß, wie ich etwas erklären und zeigen kann, so dass es verstanden wird.

Helfen ihre eigene Fluchterfahrung und ihrer Muttersprache für die Aufgabe als Lernbegleiterin?

Ja, das hilft mir, die Lebenssituation der Teilnehmer zu verstehen. Ich habe genau wie sie auch alles zurück lassen müssen. Ich bin eine von ihnen. Arabisch spreche ich im Unterricht nicht. Das ist nicht erlaubt und das finde ich auch gut. Viele Dinge kann ich auch auf Arabisch nicht erklären, weil ich sie selbst auf Deutsch gelernt habe. Aber am Anfang, in der ersten Stunde, übersetze ich auf Arabisch, wenn der Kursablauf erläutert wird. Denn es ist wichtig, dass alle die Regeln verstehen. Und in den Pausen kommen die Teilnehmer oft auf mich zu, wenn sie Fragen zum Alltag haben oder zu Anlaufstellen hier in der Stadt oder wenn sie offizielle Briefe nicht verstehen.

Gibt es ein besonders schönes Erlebnis aus Ihrer Arbeit?

Es gibt immer wieder schöne Entwicklungen, Teilnehmer, die uns begeistern. Aber etwas, was ich nie vergessen werde, ist ein Ehepaar im vorletzten Kurs. Beide waren Mitte Fünfzig. Die Frau konnte nicht lesen und schreiben, sie war nie zu Schule gegangen. Am Ende des Kurses konnte sie auf Deutsch lesen und schreiben und hat sogar ihrem Mann geholfen. Sie selbst hat gesagt ‚ich hätte nie gedacht, dass ich das noch lernen werde‘. Aber sie hat es gelernt. Und das hat mich sehr, sehr glücklich gemacht.
Vielen Dank für das Gespräch!