Panorama

Geflüchtete Frauen lernen Lesen und Schreiben

“Einstieg Deutsch” mit Kinderbetreuung eröffnet Bildungschancen an vhs Rhein Sieg
13.06.2018: Was heißt „4-Zi-Whg“? Und was „BLK“? Elf Frauen sitzen in einer Flüchtlingsunterkunft in Sankt Augustin bei Bonn und versuchen Wohnungsanzeigen zu enträtseln. „Zimmer“, „Wohnung“, „Balkon“ rufen sie durcheinander. Heute dreht sich im „Einstieg Deutsch“-Kurs, den die VHS Rhein-Sieg hier anbietet, alles um das Thema Wohnen. Seit zwei Monaten treffen sich die Frauen an fünf Tagen pro Woche. „Es macht Spaß, den Fortschritt zu beobachten“ freut sich Alexandra Haas, die die Sprachkurse für die vhs koordiniert. Denn am Anfang konnten die Frauen weder lesen noch schreiben.

Kinderbetreuung über das Sozialamt

rheinsieg_2Während die Frauen Deutsch lernen, spielen ihre Kinder eine Etage tiefer mit Bauklötzen und Autos oder kuscheln mit ihren drei Betreuerinnen. Zehn Kinder im Alter von neun Monaten bis drei Jahren kommen jeden Tag hier her. Die Kleinsten werden in den Pausen von den Müttern noch gestillt. Das Sozialamt der Stadt hat die Kinderbetreuung eingerichtet. Das ist auch der Grund, warum die Volkshochschule den Kurs hier anbietet. „Ohne Kinder“ war die Antwort, die die Frauen bisher immer zu hören bekamen, wenn sie sich nach Sprachkursen erkundigten. Alle sind schon länger in Deutschland und konnten bisher keinen Kurs besuchen. Das Sozialamt hat diese „Übriggebliebenen“ an die vhs vermittelt. Nur eine der Frauen wohnt tatsächlich im Wohnheim, die anderen kommen jeden Morgen mit dem Bus und nehmen eine lange Anreise auf sich.
rheinsieg_1Eine von ihnen ist Guli Zamani, die junge Frau ist vor drei Jahren aus Afghanistan geflüchtet. Vor dem Unterricht bringt sie morgens erst ihre größere Tochter in den Kindergarten. Die einjährige Mariam nimmt sie mit. Die Familie lebt in einer Flüchtlingsunterkunft. Zwei Zimmer haben sie und teilen sich die Küche mit sechs anderen Familien. Das kann sie bereits auf Deutsch verständlich erklären – und auch die Wörter „Wohnzimmer“, „Schlafzimmer“, „Sofa“, „Teppich“, „Tisch“ und „Bett“ sitzen schon. Sie spricht gerne Deutsch, die Sätze und Wörter sprudeln aus ihr heraus und sie strahlt beim Sprechen. Beim Schreiben und Lesen braucht sie allerdings etwas mehr Zeit. In ihrem Heimatland hat sie nie die Schule besucht. Lesen und Schreiben lernt sie nun hier auf Deutsch. Ihre Nachbarin hingegen, eine Iranerin, hat in der Heimat Abitur gemacht und auch ein bisschen Englisch gelernt.

Fokus auf Sprechen und Hören

rheinsieg_3Diese großen Unterschiede in der Vorbildung stellen für den Dozenten Daniel Düster die größte Herausforderung dar. Niemand soll sich langweilen und niemand abgehängt werden. Neben der Einführung der Laute und Buchstaben legt er viel Wert auf Sprechen und Hören. Die Teilnehmerinnen lernen Redemittel für Alltagssituationen und üben sie in Partnerdialogen. Bei den Schreibübungen formulieren einige ganze Sätze, andere setzen noch langsam Buchstabe für Buchstabe zu Wörtern zusammen – jede arbeitet in ihrem Tempo und nach ihren Möglichkeiten.

Besonders viel Spaß haben sie bei den Lockerungsübungen. Zur Wiederholung des „ch“ stehen alle auf. Düster liest Wörter vor. Bei einem Hintergaumenlaut wie in „Dach“, Buch“ oder „doch“ sollen alle in die Hände klatschen, bei Vordergaumenlauten wie in „Milch“, „Licht“ oder „Küche“ auf den Tisch klopfen. Es beginnt ein lustiges Gezappel mit vielen Lachern, wenn eine aus Versehen doch die falsche Bewegung macht.

Digitale Kompetenzen entwickeln

rheinsieg_4Jede zweite bis dritte Stunde arbeiten die Frauen nicht mit Buch, Heft und Stift, sondern am Laptop. Neben der Lernplattform ich-will-deutsch-lernen.de nutzt Düster für seinen Unterricht allgemeine Websites. Die Frauen suchen Wege auf google.maps oder die günstigste Verbindung nach Düsseldorf auf bahn.de. So lernen sie gleich drei Sachen gleichzeitig: die Sprache, den Umgang mit der Technik und ganz alltagspraktische Dinge für die Orientierung in Deutschland.
Jeden Freitag kommen zwei ehrenamtliche Lernbegleiterinnen in den Kurs. Sie arbeiten mit den Frauen das Gelernte aus der Woche auf, vertiefen noch mal und gehen dabei besonders auf individuelle Fragen ein. Mit dem Dozenten tauschen sie sich regelmäßig aus. Beide Frauen haben sich bereits als Sprachpatinnen bei der Diakonie engagiert. Dort hatte die vhs um ehrenamtliche Unterstützung angefragt. Eine von ihnen ist pensionierte Grundschullehrerin, die andere eine iranische Betriebswirtin. „In der Kombination ergänzen sie sich perfekt“, begeistert sich Alexandra Haas.