Panorama

Ein Ausflug in die Geschichte der Migration

08.09.2018: „Ah, Flüchtlinge?“ ruft Soltan Ahmadi in den Raum. Das an die Wand projizierte Foto zeigt allerdings einen Treck von Vertriebenen aus ehemaligen Ostgebieten nach dem zweiten Weltkrieg. Der hagere Mann mit dem gegerbten Gesicht, der die Frage gestellt hat, erkennt jedoch scheinbar sofort Parallelen zur aktuellen Situation und zu seiner eigenen Biografie. Denn auch er ist als Flüchtling nach Deutschland gekommen, genauso wie die weiteren zehn Menschen, die sich an diesem Tag die Bilderschau im Kölner Dokumentationszentrum für Migration in (DoMiD) anschauen.

© DVVSie alle sind Teilnehmende eines „Einstieg Deutsch“-Lernangebots, das der Verein Phoenix Köln e.V. anbietet. Die meisten von ihnen stammen aus Afghanistan. Gemeinsam mit einem Dolmetscher – auch er ein Geflüchteter –, ehrenamtlichen Lernbegleitern und dem Mitarbeiter des Vereins, Ralf Berger, machen sie heute statt Deutschunterricht einen Ausflug.

Für Migration als globales Phänomen sensibilisieren

© DVV„Migration gab es schon immer und die verschiedenen Einzelschicksale der Teilnehmenden sind Teil dieses grenz- und zeitübergreifenden Phänomens. Das möchten wir ihnen mit dieser Exkursion bewusst machen“, erläutert Berger den Hintergrund für den Ausflug. In der Präsentation zeigt er anhand von Fotos im Schnelldurchgang einen Abriss der Migrationsgeschichte: von der Auswanderung der Deutschen in die USA im 19. Jahrhundert, über Zwangsarbeiter und Vertriebene in der Zeit des zweiten Weltkriegs und Gastarbeiter in den 50er und 60er Jahren bis zu den Flüchtlingsströmen der heutigen Zeit.

Als er ein Bild von Bootsflüchtlingen auf einem überfüllten Schlauchboot zeigt, meldet sich Janan Maliki und hält sein Handy hoch. „Ich habe ein Video von meiner eigenen Überfahrt von der Türkei nach Griechenland“ sagt der junge Mann auf Dari. Und es scheint auch ein bisschen Stolz mitzuschwingen, dass er selbst erlebt hat, was eines Tages Geschichte sein wird.

Gegenstände machen Geschichte anschaulich

„Bei einer derart anspruchsvollen Thematik brauchen wir natürlich die Dolmetscher“, betont Berger. Und auch wenn bei den Teilnehmenden sicherlich wenig geschichtliche Details in Erinnerung blieben, was auch nicht der Anspruch sei, so bleibe doch ein Grundeindruck hängen. Dabei helfen auch die verschiedenen Exponate, die ein Mitarbeiter von DoMiD im anschließenden Rundgang durch das Archiv zeigt. Sie alle erzählen aus dem Leben von Migranten und lassen Geschichte konkret werden: Das Kleid der Asylbewerberin aus Togo, das sie im Heim geschneidert hat, die Kanne, die der Gastarbeiter auf der langen Zugreise aus der Türkei nach Deutschland bei sich trug, oder die Plastikwanne, die der griechisch-orthodoxe Pope für die Taufen von Familie zu Familie getragen hatte. „Sie werden Sachen sehen von Menschen, die so angefangen haben wie Sie“, hatte Berger zu Beginn des Besuchs erklärt. Dass die Führung auf Interesse stößt, sieht man daran, dass alle ihre Smartphones zücken, um Fotos zu machen, und daran dass sie Rückfragen stellen – einige sogar zaghaft auf Deutsch.

© DVVDen Weg zum Dokumentationszentrum hatte Berger bereits genutzt, um die Teilnehmer auf Spuren der Geschichte im Kölner Stadtteil Ehrenfeld hinzuweisen. Zunächst macht er sie auf „Stolpersteine“ aufmerksam und erklärt, was es mit den kleinen Messing-Gedenktafeln auf sich hat. Als nächstes liegt ein Hochbunker an der Strecke, dessen efeuüberwucherte Mauern ihn fast nicht mehr als solches erkennen lassen. Berger lässt die Teilnehmenden spekulieren, was das wohl für ein Gebäude ist. Beim Passieren des Allerweltshauses, eines interkulturellen Begegnungszentrum, informiert er über das wöchentlich stattfindende Flüchtlingscafé. Eins scheint ihm als Mitarbeiter einer Migrantenselbstorganisation besonders wichtig zu sein: Er weist darauf hin, dass sowohl Phoenix als auch DoMiD von Migranten gegründete wurden „Wenn man in Deutschland etwas bewegen will, ist das möglich, man muss nicht warten, bis die Regierung etwas erledigt, man kann sich auch als Migrant für seine Interessen engagieren“, motiviert er die Geflüchteten.