Panorama

DVV entwickelt wichtige Instrumente für die Bildungsarbeit

Auftakt der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung
Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka, © BIBB/Heidi Scherm
Bildnachweis: Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka bei der Auftaktveranstaltung zur Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung.
Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka bei der Auftaktveranstaltung zur Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung.

31.12.2016: Rund 250 Expertinnen und Experten aus ganz Deutschland waren in Berlin dabei, als Bildungsministerin Johanna Wanka und die Präsidentin der Kultusminister­konferenz, Claudia Bogedan, am 28. November die Auftaktveranstaltung der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung eröffneten. Mit der Nationalen Dekade wird in den nächsten zehn Jahren (2016-2026) die Zielsetzung verfolgt, Lese- und Schreibkompetenzen sowie das Grundbildungsniveau Erwachsener in Deutschland anzuheben. Gemeinsam mit den Ländern und vielen weiteren Partnern, so Prof. Dr. Johanna Wanka, wolle man erreichen, dass mehr Menschen den Mut finden, auch in späteren Lebensphasen ihre Fähigkeiten im Lesen und Schreiben zu verbessern.
Ein mit allen Akteuren abgestimmtes Grundsatzpapier benennt die Zielsetzungen der Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung, wie zum Beispiel die Erweiterung von Kompetenzen oder den Ausbau von Lernangeboten. Im Rahmen der Dekade werden Entwicklungen und Diskurse (weiter-)geführt, welche auch die (zukünftige) Arbeit von Volkshochschulen und DVV bestimmen.

Dekadenziele:
Erweiterung von Kompetenzen und Ausbau von Lernangeboten

Diese Dekadenziele erfordern die Entwicklung neuer Lernangebote und den Transfer bewährter Ansätze.

Rolle der Fachdidaktik

Damit Kompetenzen erweitert werden, müssen den Grundbildungsangeboten fachdidaktische Standards zugrunde liegen. Sie ermöglichen einen einfacheren und systematischen Zugang zum Lernstoff. Die DVV-Rahmencurricula bieten für die Bereiche Lesen, Schreiben und Rechnen didaktisch fundierte Lehrpläne, eine Kurzdiagnostik und Lernmaterialien, die gemeinsam mit Fachdidaktiker/-innen entwickelt wurden.

Alphabetisierung und Integration

Die Dekade adressiert zunächst Erwachsene mit Deutsch als Erstsprache und länger in Deutschland lebende Migrant/-innen mit Deutschkenntnissen. Auf mittlere Sicht soll die Zielgruppe auf Geflüchtete ausgeweitet werden. Die zunehmende sprachliche Heterogenität von Teilnehmergruppen hat zu einem Diskurs über die Zusammenführung beider Zielgruppen geführt. Das Grundsatzpapier der Dekade greift diesen Diskurs auf und rechnet mit einer Entwicklung didaktischer Methoden und Materialien, die ab einem bestimmten Sprachniveau für alle Teilnehmenden gleichermaßen eingesetzt werden können.
Als Weiterbildungseinrichtungen mit langjähriger Erfahrung im Bereich Alphabetisierung und Integration werden Volkshochschulen und DVV den Diskurs mitgestalten. Eine Zusammenführung der Zielgruppen ist zwar erst ab einem fortgeschrittenen Lernstand sinnvoll und erfordert didaktisch geeignete Lernangebote und -materialien. Die Abkehr von Zielgruppendefinitionen anhand von Muttersprache oder Migrationshintergrund hin zur Fokussierung auf gemeinsame Lernbedarfe, kann jedoch eine Chance auf verbindliche Förderstrukturen für alle Bürger/-innen mit Alphabetisierungs- und Grundbildungsbedarf (unabhängig von Erst- oder Zweitsprache) bieten.

Multimedialer Ausbau

Die Dekade zielt auf eine stärkere Nutzung digitaler Instrumente zum selbstgesteuerten Lernen. Vorhandene Onlineangebote müssen hierzu in die Breite gebracht werden. Angesichts heterogener Zielgruppen bieten digitale Lernportale erweiterte Möglichkeiten zur individuell zugeschnittenen Auswahl von Lerninhalten. Das DVV-Lernportal ich-will-lernen.de beinhaltet unterschiedliche Lernbereiche (Alphabetisierung, Rechnen oder Schulabschlüsse) und wird im Laufe der Dekade um weitere Grundbildungsbereiche (wie politische Grundbildung, Gesundheits-/Verbraucher-/Medienbildung und Lernen lernen) erweitert. In einem Relaunch des DVV-Lernportals werden auch die DVV-Rahmencurricula sowie die Kurzdiagnostik online integriert.

Dekadenziel „Aufbau und Weiterentwicklung von Strukturen“

Erfahrungen aus der Umsetzung der „Nationalen Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung“ haben gezeigt, dass nachhaltige Wirkungen nur durch den Aufbau und die Weiterentwicklung von Strukturen erreicht werden können.

Für nachhaltige Strukturen muss das Thema Alphabetisierung und Grundbildung als Querschnittsthema in Bund, Ländern und Kommunen verankert werden. Das DVV-Projekt „Alpha-Kommunal-Transfer“ widmet sich der Frage, wie Grundbildung im kommunalen Bildungsmanagement etabliert werden kann und wie über kommunale Arbeitgeber Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erreicht werden können.

Förderrechtliche und bildungspolitische Entwicklungen begünstigen neue Kooperations­ansätze. So erweitert aktuell eine Gesetzesänderung des SGB III vom August 2016 die Möglichkeiten zur Förderung von Grundkompetenzen im Rahmen der beruflichen Weiterbildung (AWStG). Das DVV-Projekt „GRUBIN-Transfer“ entwickelt in Kooperation mit Volkshochschulen und Arbeitsförderung Lernmaterialien und Konzepte, um die große Zielgruppe funktionaler Analphabeten in Maßnahmen der Arbeitsförderung mit Grundbildungsangeboten zu erreichen.

Dekadenziel „Professionalisierung des Lehrpersonals“

Die Bereitstellung eines qualitativen Grundbildungsangebotes beinhaltet auch die Professionalisierung des Lehrpersonals. Qualifizierungskonzepte liegen vor. „ProGrundbildung“, die Fortbildung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, qualifiziert Lehrkräfte in sechs Modulen für die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit. Weitere Fortbildungen (zu Rahmencurricula, Lernportal, etc.) unterstützen Lehrkräfte in der Erweiterung ihres Portfolios.

Die oft prekäre Beschäftigungssituation der Lehrkräfte sowie der erhöhte Bedarf an Kursleitenden im (finanziell attraktiveren) Integrationskursbereich bedingen jedoch einen Mangel an Lehrkräften für erstsprachige Alphabetisierung. Um die Teilnahme an Qualifizierungen sowie die Lehrtätigkeit attraktiver zu gestalten, müssen Fortbildungs­teilnahmen gefördert und Personalstrukturen verbessert werden.

Ausblick

Der Bereich Alphabetisierung und Grundbildung steht bildungspolitisch mehr denn je im Fokus. Die Relevanz des Themas zeigt sich in unterschiedlichen (Weiter-)Bildungs­bereichen.

Die Grundlagen für die Qualitätsentwicklung und Standardisierung von (multimedialen) Lernangeboten und -materialien sind (in Form von Curricula, Dozentenqualifizierungen, Transferkonzepten) gesetzt.

Die vorhandenen Konzepte und Materialien müssen jedoch in einem nächsten Schritt in Regelangebote überführt werden. Ohne Festlegung von Standards, erhebliche Verbesserungen in der Professionalisierung und öffentliche Förderung eines Regelangebots, das qualitativ hochwertigen Unterricht und Beratungsleistungen umfasst, verbleibt der Bereich Alphabetisierung und Grundbildung im Projektstatus.

Grundbildung muss ein fester Bestandteil der Bildungskette und damit anschlussfähig an andere Weiterbildungsbereiche, wie zum Beispiel Integrationskurse, nachholende Schulabschlusskurse und Maßnahmen zur Arbeitsförderung, werden.

aus: dis.kurs 4/2016 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.