Panorama

„Die Unbegleiteten“ – Hanna Schygulla gibt bei Filmpremiere jungen Geflüchteten eine Bühne

Ein Beispiel für ein gelungenes Miteinander
© FOTO KIRSCH14.05.2018: Ein Sonntagmorgen im Dezember in Berlin- Steglitz: In das Filmtheater Adria strömen Menschen, um Hanna Schygulla zu sehen. Die international bekannte Schauspielerin stellt ihren Dokumentarfilm „Die Unbegleiteten“ vor. Im Herbst 2017 begleitete sie junge geflüchtete Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern, die nun in Berlin leben. Der Film porträtiert jedoch nicht den Alltag minderjähriger Geflüchteter. Vielmehr lässt Hanna Schygulla Kunstwerke sprechen, die sie bei einem Besuch der Schwartzschen Villa entdeckt hatte. Sie war beeindruckt von der Wirkung der Puppen aus Pappmaché. So entstand die Idee, das kreative Schaffen filmisch festzuhalten.
© Veronika UrbanDie Bilder, Figuren und Kulissen sind im Rahmen des Projekts talentCAMPus plus im September 2017 entstanden – ein außerschulisches Angebot der kulturellen Bildung für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Es basiert auf dem Konzept talentCAMPus des Deutschen Volkshochschul-Verbands im Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Zielgruppe sind bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche. Zehn der zwölf Berliner Volkshochschulen haben bereits talentCAMPus-Projekte durchgeführt, mehr als 40 allein im Jahr 2017. Bundesweit konnten innerhalb von fünf Jahren rund 45.000 Kinder und Jugendliche erreicht werden.
Den Grundgedanken des talentCAMPus fasst Dr. Beate Blüggel, Direktorin der Volkshochschule Aa­chen und DVV-Vorstandsmitglied, in einem Podiumsgespräch nach dem Film zusammen: „Benachteiligte junge Menschen erfahren überall immer nur, was sie nicht können.“ Dieser defizitären Sichtweise gelte es, etwas entgegenzusetzen und Erfolgserlebnisse durch kreative Aktivitäten zu ermöglichen.

Zusammenwachsen wie eine Familie

Seit Herbst 2015 unterstützt die Victor-Gollancz- Volkshochschule Steglitz-Zehlendorf minderjährige Geflüchtete dabei, sich durch gemeinsames Lernen im neuen Lebensumfeld sprachlich und sozial zu orientieren und künstlerisch zu arbeiten. In den Projekten werden die Jugendlichen direkt nach ihrer Ankunft in Berlin durch engagierte Personen aufgefangen. Diese kümmern sich um die Jugendlichen und ergreifen im Film das Wort – wie Designerin Vero­nika Urban, die dem Atelier des talentCAMPus das Leben einhaucht. Protagonisten des Films sind aber vor allem die beiden afghanischen Brüder Mostafa und Mojtaba, die 2015 nach Deutschland kamen. Sie sind die Gesichter des Films. Denn die anderen geflüchteten Jugendlichen werden nicht frontal gezeigt.
„Wie eine Familie wachsen wir zusammen“, beschreibt Veronika Urban den Zusammenhalt und die Verbundenheit untereinander, auch über die Maßnahme hinaus. Es benötige aber Zeit, bis die Jugendlichen Ängste abgebaut und Vertrauen gefasst hätten. „Vielleicht würde es die Kunst gar nicht geben, wenn das Leben so fraglos schön wäre“, wird Hanna Schygulla später sagen und damit die Motivation ihres Filmens meinen. Doch es trifft in besonderer Weise auf die im talentCAMPus plus entstandenen Werke zu. Die vielfach traumatisierenden Erlebnisse auf der Flucht und die Erfahrungen mit Gewalt in der Vergangenheit geben die Jugendlichen in der Kunst ausdrucksstark wieder.

Aus dem Halbschlaf gerissen

© FOTO KIRSCHSie habe einfach drauf losgefilmt, berichtet Hanna Schygulla auf dem Podium. Weniger ein festes Konzept oder ein künstlerischer Anspruch habe sie geleitet, als einfach die Gelegenheit, einzufangen, was vor Ort entstanden ist: ein Beispiel für ein gelungenes Miteinander. Die Menschen, die zu uns kommen, rissen uns aus dem Halbschlaf der Wohlstandsgesellschaft, meint Schygulla. Es sei an der Zeit, zu handeln. Und so habe sie ihre Arbeit gespendet für den Film. Dies könne vielleicht eine Anregung sein, mehr schöne Dinge im Leben festzuhalten, die es wert sind, berichtet zu werden, die in den Nachrichten aber nicht vorkommen. Sie wünsche sich, dass der Film noch mehr Leute erreicht.

Talent zum Glück

Filmpremiere und Podiumsgespräch machen deutlich: Hanna Schygullas Bekanntheit ist vielleicht der Grund für den vollen Kinosaal, aber die Stars der Veranstaltung sind die beiden Brüder aus Afghanistan. Ihre Souveränität und Unerschrockenheit, mit der sie das Publikum an ihren Gedanken teilhaben lassen, sind zutiefst beeindruckend. Natürlich koste es sie auch heute noch Kraft, ihre Geschichte zu erzählen. Doch mit dem Film verbinden sie die Hoffnung auf mehr Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, und auf mehr Kontakte zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Immer wieder wird ihr Wunsch deutlich, den Menschen zu zeigen, dass sie weiter lernen und sich einfügen wollen, dass sie anderen Geflüchteten Mut machen und gleichzeitig Vorurteilen entgegnen wollen. Ihre positive Art ist faszinierend. „Du hast Talent zum Glück“, sagt Hanna Schygulla zu Mostafa am Ende des Films. Das bringt es wohl auf den Punkt. Statt einer Antwort sehen wir, wie er im Atelier tanzt.

talentCAMPus

talentCAMPus ist ein Ferien-Bildungskonzept für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Milieus mit dem Ziel, sie in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern. Seit 2013 ist das Projekt Teil des Programms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Die Besonderheit eines talentCAMPus ist die Kombination von standardisierten Bildungsangeboten mit Angeboten der freien kulturellen Bildung. In der ersten Förderphase bis 2017 wurden in rund 240 Städten, Gemeinden und Landkreisen fast 2.000 Maßnahmen durchgeführt. In der zweiten Förderphase 2018–2022 werden VHS weiter in ihrem Engagement für benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt. Nähere Informationen zu den Förderbedingungen und zur Antragstellung sind unter www.talentCAMPus.de zu finden.

Der Film „Die Unbegleiteten“

ist auf der Website sowie im YouTube-Kanal www.youtube.com/user/dvvtalentCAMPus verfügbar. Interessierte, die den Film vorführen möchten, können sich an den DVV oder an die Leiterin des Programmbereichs kulturelle Bildung der VHS Steglitz-Zehlendorf, Cornelia Dannenberg, wenden.

aus: dis.kurs 1/2018 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.