Panorama

Deutsch lernen zwischen Schnuller und Computermaus

Bei einem „Einstieg-Deutsch“-Kurs des IB Koblenz nehmen geflüchtete Frauen ihre Kinder mit in den Unterricht.
08.09.2018: „Vorsicht – spielende Kinder“ steht auf einem selbst gemalten Zettel auf der Tür zum Flur. Man hört Kinderstimmen und Lachen, ein kleiner Junge schiebt einen Puppenwagen über den Gang. Im Spielzimmer rechter Hand sitzt ein Mädchen mit seiner jungen Betreuerin auf dem Boden und malt, drei andere spielen mit einer weiteren jungen Frau. Schräg gegenüber der große Klassenraum: Im Eingangsbereich stehen Buggys, auf dem Boden liegen vereinzelte Bauklötze und ein Kinderschuh.

© DVVZwischen den fünf Frauen in der ersten Reihe wird die kleine Ratil herumgereicht und geherzt.
Sie ist die Tochter von Laila, einer jungen Syrerin, die seit 2016 in Deutschland lebt.

Genau wie sie sind auch die anderen neun Frauen, die heute zum „Einstieg Deutsch“-Lernangebot beim Internationalen Bund (IB) Koblenz gekommen sind, aus ihrem Heimatland geflüchtet. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea und sind seit zwei bis drei Jahren in Deutschland. Wegen der kleinen Kinder – einige haben fünf oder sechs – konnten sie bisher keinen Kurs besuchen.

Zusammenarbeit mit Job-Center und Jugendamt

© DVV„In ganz Koblenz gibt es keinen Sprachkurs mit Kinderbetreuung“ weiß Klaus Nelde, der den Kurs für den IB koordiniert. Und auch Kindergartenplätze seien schwer zu finden, zumal für so kleine Kinder. Da viele Frauen dringend Deutschunterricht benötigten, sei das Job-Center auf den IB zugegangen. Aktuell läuft bereits der dritte Mutter-Kind-Kurs und Nelde hat schon wieder fünfzig Frauen auf der Warteliste.
Eigentlich war das Spielzimmer für eine Tagesgruppe mit Schulkindern eingerichtet worden. Das Jugendamt hat jedoch unkompliziert der Nutzung auch für die Kleinen zugestimmt und keine weiteren Auflagen gemacht. Die Finanzierung der Kinderbetreuung ist durch die Fördergelder aus dem Projekt „Einstieg Deutsch“ gesichert.
Ursprünglich waren Kinderbetreuung und Unterricht auf zwei unterschiedlichen Etagen, berichtet Nelde. „Aber das war schwierig, weil sich die Kinder nicht von den Müttern trennen konnten und die Mütter immer wieder aus dem Unterricht raus mussten“. Nun stehen alle Türen offen und die Kinder können jederzeit zwischen Spielraum und Klassenraum hin und her rennen.

Selbständiges Lernen am Laptop

© DVVHeute ist Computertag. Das heißt die Frauen lernen selbständig mithilfe des Lernportals ich-will-deutsch-lernen.de. Mara Leyer, ihre Dozentin, gibt Laptops, Kopfhörer und Computer-Mäuse aus. Die Frauen starten die Geräte, setzen die Kopfhörer auf und navigieren sich durch das Lernportal. Jede weiß, wo sie weiter arbeiten muss, klickt sich durch die Übungen, hört sich Dialoge an, kreuzt richtige Lösungen an, vervollständigt kurze Texte und sortiert Bilder zu Wörtern. Das war nicht immer so. Viele der Frauen hatten noch nie an einem Computer gesessen. „Für uns selbstverständlich Dinge, wie die Maus zu bedienen, waren für sie eine motorische Herausforderung“, erinnert sich die Dozentin. Aber bereits nach zwei Wochen waren alle sicherer im Umgang mit den Geräten.

© DVVEine Reihe weiter hinter quengelt allerdings Diana, die kleine Tochter der Eritreerin Hana. Es helfen weder der Schnuller noch die Milchflasche. Erst als ihre Mutter sie auf den Schoß nimmt, gibt sie Ruhe. Dort sitzt sie nun und schaut zu, was ihre Mutter macht. „Durch die Kinder ist es natürlich unruhiger“ räumt Dozentin Leyer ein. Wenn jede für sich am Computer arbeitet, störe es aber weniger. Schwieriger seien Gruppen- und Partnerübungen im normalen Unterricht. Aber irgendwie klappt auch das und „für die Frauen ist es die einzige Chance Deutsch zu lernen“.