Panorama

Bauchschmerzen und Beinschmerzen

Im Sprachprogramm „Einstieg Deutsch“ lernen Flüchtlinge das Wichtigste für die Kommunikation im Alltag. Ein Besuch an der VHS Recklinghausen.
VHS Recklinghausen30.09.2016: In Recklinghausen sind heute alle krank: Saadat aus Afghanistan hat Bauchschmerzen, Khatitscha aus Tadschikistan hat Bauchschmerzen und Fieber, ihr Landsmann Avazsho hat Bauchschmerzen, Fieber, Kopfweh und „Beinschmerzen“. Und Hossein aus dem Iran beendet die Reihe lachend mit „mir tut alles weh“. Die vier sind kerngesund und haben sichtlich Spaß bei ihrem Deutschunterricht. Seit drei Wochen lernen sie gemeinsam mit fünfzehn weiteren Geflüchteten an der Volkshochschule Recklinghausen.

Wartezeit sinnvoll nutzen

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Die Teilnehmer in Recklinghausen bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen und Lernerfahrungen mit. Alle sind hochmotiviert.

„Eine bunte Mischung hat sich für das sechswöchige Lernangebot „Einstieg Deutsch“ zusammen gefunden“, freut sich Susanne Schloimann, die zuständige Studienleiterin für Sprachförderung an der VHS Recklinghausen. Sie ist froh, denjenigen, die „in der Wartschleife sitzen, weil sie noch keinen Integrationskurs besuchen können“, nun etwas Passendes anbieten zu können.
Vierzehn Frauen und sechs Männer aus verschiedenen Nationen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und Lernerfahrungen lernen hier gemeinsam. „Da ist ganz viel Differenzierung nötig“, weiß Schloimann, auch wenn alle bereits lateinische Schriftzeichen kennen. Jeden Tag haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vier Stunden Unterricht am Vormittag. Donnerstagnachmittags üben sie zusätzlich im EDV-Raum mit einer ehrenamtlichen Lernbegleiterin. mit dem Lernportal „Ich will Deutsch lernen“ (iwdl.de). Das bietet die Chance, individuell zu fördern.

Alltagsnahe Themen

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Teilnehmer mit unterschiedlichen Kenntnissen helfen sich gegenseitig.

Im Angebot „Einstieg Deutsch“ lernen sie zunächst auf einfachem Niveau die wichtigsten Dinge für den Alltag: Begrüßung, sich vorstellen, Familie, Einkaufen. In dieser Woche dreht sich alles um den Körper, Krankheiten und Arztbesuche. Als sie am Morgen zu Beginn der Stunde die Bezeichnungen der Körperteile sammeln, die sie schon kennen, kommt schnell ganz viel zusammen. Alle wissen schon etwas, klopfen sich auf Arme, Schulter und Brust, recken Hände und Finger in die Höhe, tippen auf Augen, Ohren, Nase und rufen die Wörter stolz in den Raum. Emin aus Aserbaidschan kennt sogar schon „Wirbelsäule“ und demonstriert am Rücken seines Sitznachbarn, worum es sich handelt. Und die Frauen im Kurs wissen durchs Schminken schon, was „Wimpern“ und „Augenbrauen“ meint. Alle sind hochmotiviert zu lernen und hoffen, nach den sechs Wochen schon die A1-Prüfung ablegen zu können. „Erst gut Deutsch lernen“ ist daher auch die einheitliche Antwort, wenn man die Teilnehmer nach ihren Plänen für die Zukunft fragt.

Hintergrund

“Einstieg Deutsch” ist ein Bundesprogramm zur Sprachförderung von Geflüchteten. Das BMBF stellt für die Dauer von drei Jahren jährlich 19 Millionen Euro zur Verfügung. Davon können rund 1.900 Lernangebote für circa 45.000 Flüchtlinge pro Jahr angeboten werden. Die sechs- bis achtwöchigen Lernangebote basieren auf einem Blended-Learning-Ansatz: Präsenzunterricht verknüpft mit Online-Phasen und Exkursionen. Gemeinnützige Weiterbildungseinrichtungen können für die Durchführung der Lernangebote beim DVV Mittel beantragen.
aus: dis.kurs 3/2016 – Das Magazin des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V.